Wissenssoziologie ist eine Disziplin der Soziologie und beschäftigt sich mit der Entstehung, Verbreitung, Verwendung und Bewahrung von Wissen innerhalb von Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften. Sie steht damit u.a. der Kultursoziologie sehr nahe, da sich Kultur und Wissen sehr stark gegenseitig beeinflussen oder der Phänomenologie, die - wie Max Scheler in seiner phänomenologischen Wissenssoziologie gezeigt hat -, Erkenntnis nicht als autonomen Prozess ansieht.
Grundlegend stellt daher die Wissenssoziologie fest, dass Erkenntnis nicht allein im Individuum, sondern durch einen sozialen Kontext hindurch geprägt und in ihm verankert ist. Wissen, und noch allgemeiner: Denken ist demnach sozial bedingt.
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Die Wissenssoziologie kann auf mehrere Vorläufer zurückblicken. Diese sind weitgehend (vor Marx und Engels) protosoziologisch, d.h. sie fragen noch nicht selbst nach den sozialen Interessen, die hinter bestimmten Denkstrukturen, hinter einem "Denkstil" (Karl Mannheim) stehen.
Das zentrale Anliegen der klassischen deutschen Wissenssoziologie (Karl Mannheim, Max Scheler, Theodor Geiger, Wilhelm Jerusalem) war in dieser Tradition, v.a. aber in der unmittelbaren Nachfolge von Wilhelm Diltheys Begründung der Geisteswissenschaften, die Aufklärung der Beziehungen zwischen sozialem Sein und Bewusstsein durch die Zuordnung von "kulturellen Objektivationen" (ein Begriff Diltheys, der u.a. Weltanschauungen, Wertvorstellungen, Denkformen einbezieht) zu sozialen Strukturen.
Bei Mannheim erlangte der Ideologiebegriff eine wesentliche Bedeutung, indem er im Gegensatz zu Marx erkannte, dass jedes Denken, auch das eigene, ideologisch, nämlich notwendig perspektivisch ist. Er hat dies detailliert v.a. für das konservative, das liberale und das sozialistische Denken gezeigt. Nur die "freischwebende Intelligenz" steht laut Mannheim weitgehend außerhalb des ideologischen Denkens und kann unabhängig und sensibel auf soziale Prozesse einwirken.
Durch dieses Forschungsprogramm befasste sich die klassische Wissenssoziologie auch mit erkenntnistheoretischen Problemen, die sie soziologisch reformulierte.
Max Scheler hat in seiner Wissenssoziologie die Unterscheidung von Heils- oder Erlösungs- (1), Bildungs- (2) und Leistungswissen (3) getroffen. Jeder Wissensart entspricht eine bestimmte, zu untersuchende Interessenhaltung.
In der transformierten Fortführung der wissenssoziologischen Tradition, vor allem in der amerikanischen Soziologie, wurde die Fragestellung der klassischen Wissenssoziologie nach der sozialen Bedingtheit des wissenschaftlichen Wissens und der Ideologien erweitert, d.h. der wissenssoziologische Untersuchungsgegenstand wurde weiter gefasst.
Die„ neuere Wissenssoziologie“ beschäftigt sich im Unterschied zur klassischen Wissenssoziologie Schelers und Mannheims mit allem, was in einer Gesellschaft als Wissen gilt, und vor allem mit der Erforschung der gesellschaftlichen Wissensbestände, die das Alltagswissen des „Jedermann“ ausmachen, und von dem aus „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ verstanden werden kann (Peter L. Berger, Thomas Luckmann).
Als Ort der Sinnstiftung wird nun die Alltagswelt zum Gegenstand der soziologischen Analyse. Im Rückgriff auf den von Edmund Husserl eingeführten Begriff der Lebenswelt entwickelten Berger und Luckmann ein Konzept der alltäglichen Lebenswelt, in der die handelnden Subjekte ihren Erfahrungen Sinn zuschreiben und alltagstaugliche Interpretationen, Deutungsschemata, Handlungslogiken und Rechtfertigungsstrategien entwickeln, die in einen Alltagswissensbestand eingehen. Der alltägliche Sinnbereich durchzieht alle Teilbereiche und Systeme einer Gesellschaft und ist somit konstitutiv für die gesellschaftliche Realität und jedes gesellschaftlich relevante Wissen. Die Wissenssoziologie wird so zu einer Grundlagenwissenschaft der Soziologie.
Ungeachtet dieses Anspruches befassten sich wissenssoziologische Analysen in den letzten 20 Jahren, beeinflusst vom symbolischen Interaktionismus und der phänomenologischen Soziologie, überwiegend mit mikrosoziologischen Fragestellungen und der Rekonstruktion spezieller und individualisierter Sonderwissensbestände. Durch den Wandel der modernen zur postmodernen Wissens- und Mediengesellschaft erlangte die Fragestellung nach der Entstehung, der Relevanz und der gesellschaftlichen Legitimierung von Wissensbeständen eine neue Aktualität, die aber noch nicht zu einer deutlichen Neuformierung des wissenssoziologischen Paradigmas führte.
Gegenüber dieser engen Begriffsfassung von „Wissenssoziologie“ im Sinne der hermeneutischen Wissenssoziologie (Soeffner; Hitzler & Reichertz & Schröer; Knoblauch) kann man auch Michel Foucaults Diskursanalyse mit ihrem Grundsatz der untrennbaren Verbindung von 'Wissen' und 'Macht' als genuin wissenssoziologisch auffassen (im klassischen Sinn von Mannheim und Scheler).
Auch die Systemtheorie Niklas Luhmanns geht wissenssoziologisch vor, nämlich in der Relationierung von einer bestimmten „Gesellschaftsstruktur und ihrer Semantik“. Luhmann bezieht sich dabei explizit auf Mannheim.
Weitere Teilgebiete der Wissenssoziologie sind zudem die Intellektuellensoziologie (Karl Mannheim, Theodor Geiger und später Pierre Bourdieu) sowie die neuere Wissenschaftssoziologie (Foucault, Knorr-Cetina, Latour).
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