In dem Vertrag von Lausanne, der am 24. Juli 1923 im Schloss Ouchy abgeschlossen wurde, konnte die Türkei, als Sieger im griechisch-türkischen Krieg von 1922, die Bestimmungen des nach dem Ersten Weltkrieg abgeschlossenen Vertrags von Sèvres nach ihren Vorstellungen revidieren lassen.
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Der Vertrag wurde geschlossen zwischen der Türkei auf der einen Seite und folgenden Ländern auf der anderen Seite: Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan, Griechenland, Rumänien und dem Serbisch-Kroatisch-Slowenischen Staat.
Die Friedensgespräche wurden am 30. November 1922 durch den Völkerbund, repräsentiert durch Fridtjof Nansen, initiiert. Die Verhandlungen fanden von November 1922 bis Juli 1923 statt. Ein bedeutender Zwischenschritt war die am 30. Januar 1923 vereinbarte Konvention zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei.[1]
Die Türkei erhielt Ost- und Südostanatolien (Ostanatolien war im Vertrag von Sèvres für (Groß-)Armenien vorgesehen), Ostthrakien (der europäische Teil der heutigen Türkei) sowie Smyrna. Griechenland erhielt Westthrakien. Zudem stimmte die Türkei der durch Großbritannien am 5. November 1914 proklamierten Annexion Zyperns zu, das sie bis zu dieser Zustimmung formal besessen hatte.
Der Vertrag regelte in dem Abschnitt über den Schutz der Minderheiten (Art. 37-45) die Rechte der nicht-muslimischen Minderheiten in der Türkei sowie der muslimischen Minderheiten in Griechenland und war somit ein auf Religionsangehörige, aber nicht auf Ethnien bezogener Vertrag.
Die am 30. Januar 1923 zwischen Griechenland und der Türkei vereinbarte Konvention zum Bevölkerungsaustausch war Teil dieses Vertrags (gem. Art. 142). Auf Grund dieser Konvention wurden die in Kleinasien ansässigen türkischen Staatsangehörigen griechisch-orthodoxen Glaubens (etwa 1,25 Mio) nach Griechenland ausgewiesen, die in dem nun Griechenland zugefallenen Teil Makedoniens beheimateten griechischen Staatsangehörigen muslimischen Glaubens (ca. 0,5 Mio) mussten in die Türkei auswandern. Von dem Bevölkerungsaustausch ausgenommen waren die alteingesessene griechische Bevölkerung und die griechisch-orthodoxe Bevölkerung Istanbuls (offiziell als Rum bezeichnet). Im Gegenzug fielen die Türken, Pomaken und die muslimischen Roma Westthrakiens ebenfalls nicht unter die Konvention zum Bevölkerungsaustausch und sollten in Griechenland bleiben. Alle diese Türken, Pomaken und muslimischen Roma, die zum damaligen Zeitpunkt in der Region residierten, die östlich der 1913 im Vertrag von Bukarest festgelegten Grenzlinie liegt, erhielten mit dieser Konvention den Status der muslimischen Einwohner Westthrakiens. Der Haupttext des Vertrags von Lausanne verweist auf sie als muslimische Minderheiten Griechenlands, deren Minderheitenrechte in völliger Analogie zu den Minderheitenrechten der nicht-muslimischen Minderheiten der Türkei stehen. Griechenlands Ansprechpartner für diese drei muslimischen Ethnien Westthrakiens ist seitdem die Türkei.
Die Bevölkerung der Inseln Imbros (Gökçeada) und Tenedos (Bozcaada) wurden ebenso vom Bevölkerungsaustausch ausgeschlossen. Diese Regelung war aber nicht Bestandteil der Konvention sondern Teil des Hauptvertrags Artikel 14.[2] Ausgenommen vom Bevölkerungsaustausch wurden damit insgesamt 110.000 Griechen der Türkei und 106.000 Türken Griechenlands.[3]
Ziel der Maßnahme des Bevölkerungsaustausches war es, die durch nationale Minderheiten ausgelösten Spannungen zu vermindern. So sollte der Frieden auf Basis klarer definierter Nationalitätengrenzen gesichert werden. Allerdings brachte die durch einen zwischenstaatlichen Vertrag vereinbarte Umsiedlung großes Leid über die betroffenen Menschen. Sie verloren ihre alte Heimat und durften ihr bewegliches Eigentum mitnehmen, das ausdrücklich durch die Konvention geschützt war. Unbewegliches Eigentum wurde liquidiert und die Eigentümer entschädigt. Viele starben während der oft brutal durchgeführten Umsiedlungsmaßnahmen.
Der größte Teil der zur Umsiedlung vorgesehenen Bevölkerungsgruppen war schon vor 1923 vertrieben worden, wobei viele Angehörige der Minderheiten ermordet wurden. Der britische Außenminister und führende Vertreter des Imperialismus George N. Curzon bezeichnete den Vertrag von Lausanne als eine durch und durch schlechte und böse Lösung, für welche die Welt während der nächsten hundert Jahren noch eine schwere Buße werde entrichten müssen.[4]
Für mächtige Politiker jener Zeitepoche wie Winston Churchill oder Edvard Beneš wie auch für den Völkerbund galt der Bevölkerungsaustausch als Paradigma für die friedliche Lösung ethnischer Konflikte. Bereits im Vertrag von Neuilly-sur-Seine im Jahre 1919 hatten Griechenland und Bulgarien einen Bevölkerungsaustausch zwischen ihren Ländern vereinbart.[5]
Bei einem Besuch des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül am 11. November 2008 schenkte der Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin jenen Tisch, an dem der Vertrag unterzeichnet wurde, der Türkei.
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