Ralf Gustav Dahrendorf, Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminster, KBE, FBA (* 1. Mai 1929 in Hamburg; † 17. Juni 2009 in Köln), war ein deutsch-britischer Soziologe, Politiker und Publizist. Er war Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Mitglied des Deutschen Bundestages, parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Mitglied der Europäischen Kommission, Direktor der London School of Economics and Political Science, Mitbegründer der Universität Konstanz und Mitglied des britischen House of Lords.
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Ralf Dahrendorf wurde 1929 als Sohn des Genossenschafters und SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf in Hamburg geboren. Nachdem sein Vater gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte, wurde er 1933 nach kurzer Haft arbeitslos. 1935 wurde Dahrendorf in Berlin eingeschult und besuchte seit 1938 das Gymnasium. 1941 siedelte er mit seiner Familie nach Buckow um. In der dortigen Internatschule war er als 14jähriger Mitverfasser von Flugblättern gegen den Nationalsozialismus. Als sein Vater, der im sozialdemokratischen Untergrund agitierte, nach dem 20. Juli 1944 inhaftiert wurde, flog im November 1944 diese Tätigkeit auf, und Dahrendorf sollte im Gefängnis in Frankfurt (Oder) interniert werden. Dies lehnten aber die dortigen Aufseher mit Hinblick auf seine Jugend ab. So wurde er in ein Lager bei Schwetig verbracht, wo er bis zum Eintreffen der Roten Armee festgehalten wurde. Weil sein Vater die Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der sowjetischen Besatzungszone 1946 nicht mitvollziehen wollte und sich damit gegen Otto Grotewohl stellte, siedelte die Familie auf Anraten der amerikanischen Besatzungsmacht von Berlin nach Hamburg um, wo Dahrendorf sein Abitur nachholte.
Er studierte danach Philosophie und Klassische Philologie an der Universität Hamburg. Seine wichtigsten Lehrer waren der Klassische Philologe Ernst Zinn und der Philosoph Josef König. 1952 promovierte er dort zum Dr. phil. mit der Arbeit Der Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx. 1952 bis 1954 studierte er an der London School of Economics, wo er Karl Popper hörte und zusammen mit David Lockwood und Basil Bernstein einem Kreis von Ph. D.-Studenten angehörte, die von dem Soziologen A. H. Hasley betreut wurde. Seine dort erarbeitete Schrift Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft legte er 1957 als Habilitationsarbeit der Universität des Saarlandes in Saarbrücken vor. Von 1958 bis 1960 lehrte er als Professor für Soziologie an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg[1] und hielt zugleich Vorlesungen an der Universität Hamburg. Von dort wurde er dann nach Tübingen und danach an die Universität Konstanz berufen.
Obwohl Dahrendorf nach dem Krieg zunächst der SPD – und kurzzeitig auch dem damals von Helmut Schmidt geführten SDS – angehört hatte, wurde er in seinem politischen Wirken vor allem als Vordenker des Liberalismus bekannt. Nachdem er zuvor bereits einmal auf einer regionalen Liste für die Freidemokraten kandidiert hatte, wechselte er 1967 endgültig zur FDP. Zusammen mit dem damaligen Generalsekretär Karl-Hermann Flach war er maßgeblich an der programmatischen Neuausrichtung der Partei in den späten 1960ern und frühen 1970ern beteiligt. Bekannt wurde er auch durch – von seinesgleichen selten gewagte – öffentliche Diskussionen mit den Protagonisten der 68er-Bewegung wie zum Beispiel Rudi Dutschke.
1968 zog Dahrendorf für die Liberalen als Abgeordneter in den Landtag von Baden-Württemberg ein, doch legte er am 28. Oktober 1969 sein Mandat wieder nieder, als er gleichfalls für die Liberalen in den Deutschen Bundestag einzog, den er bereits am 25. August 1970 wieder verließ. Er war kurze Zeit in der ersten Regierung Brandt als Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt tätig, bevor er 1970 als Kommissar für Außenbeziehungen und Außenhandel in die EG-Kommission Malfatti nach Brüssel wechselte. In der Kommission Ortoli war er bis zu seinem Rücktritt 1974 für Forschung, Wissenschaft und Bildung zuständig.
1974 kehrte Dahrendorf in die Wissenschaft zurück und leitete bis 1984 die renommierte London School of Economics (LSE). Von 1984 bis 1986 lehrte er an der Universität Konstanz, und 1986–1987 an der Russell Sage Foundation in New York. Von 1987 bis 1997 war er Rektor des St Antony’s College der University of Oxford und von 1991 bis 1997 zudem Prorektor der dortigen Universität.
1982 wurde er von Königin Elisabeth II. zum Knight Commander of the Order of the British Empire (KBE) erhoben, mit dem für britische Bürger der Adelstitel „Sir“ verbunden ist. 1988 nahm Dahrendorf die britische Staatsbürgerschaft an, 1993 wurde er zum Life Peer erhoben und erhielt den Titel eines Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminster. Clare Market ist ein Platz bei der London School of Economics, welcher auch als ihr Parkplatz dient. In der Nähe befand sich früher das Schloss von John Earl of Clare, der dort bis etwa 1617 wohnte. Den Titel hat Dahrendorf, wie üblich, selbst gewählt und damit seine Verbundenheit mit der London School of Economics gezeigt.
1982 bis 1987 war Dahrendorf außerdem Vorstandsvorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Seitdem er britischer Staatsbürger war, gehörte er den den Liberal Democrats an und war Mitglied des britischen House of Lords. Außerdem war er als Berater der Badischen Zeitung tätig.
Dahrendorf erhielt 1989 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Er war Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. 1997 wurde ihm der von der Theodor-Heuss-Preis für sein politisches und geisteswissenschaftliches Lebenswerk verliehen. Im Jahre 2002 wurde er als erster Preisträger mit dem Walter-Hallstein-Preis der Universität Frankfurt, der Stadt Frankfurt und der Dresdner Bank ausgezeichnet.
Ab Januar 2005 war er Forschungsprofessor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. 2007 wurde Dahrendorf mit dem international hoch renommierten Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Sozialwissenschaften ausgezeichnet.[2]
Am 4. April 2008 wurde Dahrendorf durch den Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) zum Vorsitzenden der neuen Zukunftskommission der nordrhein-westfälischen Landesregierung berufen.[3] Dahrendorf lebte in London und in Bonndorf / Schwarzwald.[4]
Am 17. Juni 2009 starb Dahrendorf im Alter von 80 Jahren.
Viele Schüler kennen Dahrendorfs Arbeiten durch das Dahrendorfhäuschen: eine Darstellung der Schichtung der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland. Theoretisch Interessierten ist er als Vertreter der Konfliktsoziologie, durch seine Beiträge zur Rollentheorie und teilweise auch durch seine Beteiligung am Positivismusstreit in der deutschen Soziologie bekannt, in dem die Philosophen Karl Popper und Theodor W. Adorno in Tübingen aufeinandertrafen.
Bereits mit seiner Habilitationsschrift Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft (1957), die im Schulenstreit zwischen marxistischer Soziologie und Strukturfunktionalismus einen „dritten Weg“ zu öffnen versprach, wurde er in der deutschen Soziologie bekannt, in weit stärkerem Maße dann im angelsächsischen Sprachbereich (viele Auflagen seiner Werke in englischer Übersetzung).
Mit einer Reihe von Aufsätzen – zusammengefasst in dem Band Gesellschaft und Freiheit (1961) – begründete er eine soziologische Konflikt- und Herrschaftstheorie, die sich als Gegenentwurf zur strukturfunktionalen Gesellschaftstheorie von Talcott Parsons und seinen Schülern verstand. Darin begriff er Konflikte nicht als „dysfunktionale“, die gesellschaftliche Ordnung störende Phänomene, sondern als „eine hervorragende schöpferische Kraft“ des sozialen Wandels.[5]
Zum geflügelten Wort wurde der Titel seines Buches Bildung ist Bürgerrecht (1965) über deutsche Bildungsdefizite, die er als Bedrohung für die bundesdeutsche Demokratie wertete. Er lieferte damit wesentliche Argumente für eine Bildungsexpansion.
Mit dem Konzept des Homo sociologicus führte er auch die Rollentheorie in die deutschsprachige Soziologie ein. Der Übergang vom innovativen, klaren und beredten akademischen Lehrer zum Akteur der Politik während der Zeit der Studentenrevolte, seine unter freiem Himmel geführte Diskussion mit Rudi Dutschke, überraschten die Fachwelt.
Er galt als Verfechter des politischen Liberalismus, den er durch die „Zerstörung der Ligaturen“ (Bindungen) in der Gesellschaft gefährdet sah. Hinsichtlich der Wirtschaftsordnung vertrat er Positionen des Ordoliberalismus, aber auch das Konzept eines Grundeinkommens („Bürgergeld“).
Als zeitkritischer Intellektueller nahm er zu vielen aktuellen Fragen Stellung, seine besondere Aufmerksamkeit galt den Umwälzungen in Osteuropa (Betrachtungen über die Revolution in Europa, 1990) sowie den Entwicklungen nach 1989 und in Europa.
Als „Summe meiner Sozialwissenschaft“ bezeichnet er die Aufsatzsammlung Der moderne soziale Konflikt (1992), das seine Hauptthemen – soziale Klassen und Konflikt, Anrechte und Lebenschancen, Bürgergesellschaft und Weltbürgertum – in einen konsistenten Zusammenhang stellt.
In seinen Werken Engagierte Beobachter (2005) und Versuchungen der Unfreiheit (2006) setzte er sich mit dem Phänomen der Intellektuellen in Zeiten der Prüfung auseinander, die dem Totalitarismus (zeitweise) verfallen waren und mit jenen, die sich immer von Ideologien abgegrenzten. Er stellte die These auf, dass das Votum letzterer auf vier Säulen beruhe: der Fähigkeit, unabhängiges Denken strikt zu verfolgen und die Widersprüche und Konflikte der Gesellschaft auszuhalten, auf einer akribischen engagierten Beobachtungsweise sowie auf der Anerkennung der Vernunft als Grundlage jeder Theorie und Praxis. [6]
Als große Beispiele eines solchen auf Freiheit beruhenden eigenständigen zielbewussten Denkens nannte er Karl Popper, Raymond Aron und Isaiah Berlin, die ihn prägten. Nach Dahrendorfs Ansicht hat bereits der Humanist Erasmus von Rotterdam diese Art des Denkens im 15. Jahrhundert begründet und kann den modernen Intellektuellen somit als Vorbild dienen. Zu den von ihm so genannten Erasmus-Intellektuellen zählte er außerdem in unterschiedlichen Abstufungen u. a. Arthur Koestler und Manès Sperber, beide ehemalige Kommunisten, die als Kritiker des Stalinismus bekannt wurden, sowie Norberto Bobbio (italienischer Rechtsgelehrter und Antifaschist), Jan Patočka (tschechischer Philosoph), Hannah Arendt und Theodor W. Adorno.
Die standhaften freiheitlichen Intellektuellen im Denken und Handeln stellten nach Dahrendorf im 20. Jahrhundert nur eine Minderheit dar, viele seien den zahlreichen Versuchungen der Unfreiheit erlegen. Dahrendorf betrachtete Großbritannien als liberale Gesellschaft (Erasmus-Land), die als offene Gesellschaft auf einem common sense beruhe und mit der sich der Autor als Liberaler mehr oder weniger identifizierte. [7]
In den 1960er Jahren publizierte er gelegentlich in der ZEIT unter dem Pseudonym Wieland Europa.
Raymond Barre | Albert Borschette | Albert Coppé | Ralf Dahrendorf | Jean-François Deniau | Wilhelm Haferkamp | Franco Maria Malfatti | Sicco Mansholt | Altiero Spinelli
Raymond Barre | Albert Borschette | Albert Coppé | Ralf Dahrendorf | Jean-François Deniau | Wilhelm Haferkamp | Sicco Mansholt | Carlo Scarascia-Mugnozza | Altiero Spinelli
Albert Borschette | Claude Cheysson | Ralf Dahrendorf | Jean-François Deniau | Finn Olav Gundelach | Wilhelm Haferkamp | Patrick Hillery | Pierre Lardinois | François-Xavier Ortoli | Carlo Scarascia-Mugnozza | Henri Simonet | Christopher Soames | Altiero Spinelli | George Thomson
Hans von der Groeben | Ralf Dahrendorf | Willy De Clercq | Frans Andriessen | Leon Brittan | Pascal Lamy | Peter Mandelson | Catherine Ashton
Fritz Hellwig | Altiero Spinelli | Ralf Dahrendorf | Guido Brunner | Karl-Heinz Narjes | Filippo Maria Pandolfi | Antonio Ruberti | Édith Cresson | Philippe Busquin | Janez Potočnik
Walter Erbe | Paul Luchtenberg | Hans Wolfgang Rubin | Ralf Dahrendorf | Wolfgang Mischnick | Otto Graf Lambsdorff | Wolfgang Gerhardt
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dahrendorf, Ralf |
| ALTERNATIVNAMEN | Dahrendorf, Ralf Gustav (voller Name); Wieland Europa; Baron Dahrendorf of Clare Market |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-britischer Soziologe, Hochschullehrer, Politiker und Publizist |
| GEBURTSDATUM | 1. Mai 1929 |
| GEBURTSORT | Hamburg |
| STERBEDATUM | 17. Juni 2009 |
| STERBEORT | Köln |
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