Matthias Erzberger (* 20. September 1875 in Buttenhausen bei Münsingen, Königreich Württemberg; † 26. August 1921 bei Bad Griesbach im Schwarzwald) war ein Schriftsteller und Politiker im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik (Zentrumspartei). Er war Leiter der Waffenstillstandskommission und Reichsfinanzminister.
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Erzbergers Vater war Schneider und trug im Nebenberuf als Postbote Briefe aus. Nach der Schulzeit in Bichishausen besuchte Erzberger zunächst die Präparandenanstalt in Schwäbisch Gmünd und dann das katholische Lehrerseminar in Saulgau, wo er 1894 die Volksschullehrerprüfung ablegte.
Nach Tätigkeiten als Volksschullehrer in Marbach, Göppingen und Stuttgart begann er 1896 ein Studium des Staatsrechts und der Nationalökonomie in Freiburg im Üechtland, das er aber nicht abschloss, weil er im selben Jahr bereits als Redakteur für das katholische Deutsche Volksblatt in Stuttgart zu arbeiten begann. Gleichzeitig begann auch sein Engagement in katholischen Arbeitervereinen und in der Zentrumspartei. 1899 beteiligte sich Erzberger an der Gründung Christlicher Gewerkschaften[1].
Bereits 1903 wurde Erzberger, als damals jüngster Abgeordneter, für den Wahlkreis Biberach-Waldsee-Leutkirch-Wangen in den Reichstag gewählt und repräsentierte dort den neuen Typ des Berufspolitikers. Sein politischer Ziehvater war der Reichstagsabgeordnete Richard Müller. Gleich zu Beginn seiner politischen Karriere kritisierte er scharf und teilweise gegen Parteifreunde die Kolonialskandale [2] und trug er dazu bei, dass die Regierung Bülow in der Budgetfrage für den militärischen Einsatz in den Kolonien zurücktrat und es damit zu Neuwahlen des Reichstags (sog. „Hottentottenwahlen“, Völkermord an den Herero und Nama) kam. Unter seiner Mitwirkung stürzten Deutschkonservative 1909 gemeinsam mit dem Zentrum die Regierung Bülows, da keine Einigkeit in der Frage des geplante Erbschaftssteuer gefunden wurde, die erst 1919 von Erzberger als Finanzminister eingeführt werden konnte.
Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges übernahm Erzberger die Leitung der Auslandspropaganda des Deutschen Reiches und richtete einen Auslandsgeheimdienst ein. Als Sonderbotschafter bemühte er sich mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes und der Reichsregierung auf diplomatischer Ebene vergebens, Italien und Rumänien vom Kriegseintritt gegen die Mittelmächte abzuhalten.[3]
Im Verlauf des Weltkrieges war Erzberger neben Karl Liebknecht (Reichstagsabgeordneter der SPD/USPD) der einzige Politiker, der öffentlich die passive Haltung Deutschlands zur Politik der türkischen Verbündeten gegenüber der nichtmuslimischen Bevölkerung im Osmanischen Reich kritisierte, dabei vor allem den Völkermord an den Armeniern und den Völkermord an den Suryoye. Er reiste mehrfach nach Konstantinopel zu Verhandlungen mit den jungtürkischen Machthabern.
Nachdem Erzberger im Weltkrieg anfänglich für einen „Siegfrieden“ eingetreten war, setzte er sich später für einen „Verständigungsfrieden“ ein. Am 6. Juli 1917 forderte er in einer Reichstagsdebatte, Deutschland müsse auf Annexionen verzichten. Am 19. Juli 1917 stimmte die Mehrheit des Reichstags der von ihm in diesem Sinne eingereichten Friedensresolution zu.
Anfang Oktober 1918 ernannte der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden Erzberger zum Staatssekretär ohne Portefeuille. Er wurde zum Leiter der Waffenstillstandskommission berufen und unterzeichnete auf Wunsch Paul von Hindenburgs am 11. November 1918 als erster der vierköpfigen deutschen Delegation den Waffenstillstand von Compiègne, der die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges beendete.
Im Januar 1919 wurde er in die Weimarer Nationalversammlung gewählt. Im Kabinett Scheidemann wurde er als Chef der Waffenstillstandskommission zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich ernannt und hatte in dieser Funktion die Durchführung des Waffenstillstands zu überwachen. Weil er auch die Annahme des Versailler Vertrags befürwortete und damit in scharfen Gegensatz zu Reichsaußenminister Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau geriet, wurde er als Erfüllungspolitiker verunglimpft (siehe Dolchstoßlegende).
Am 21. Juni 1919 wurde Erzberger Finanzminister unter Reichskanzler Gustav Bauer.
Er baute die Steuerverwaltung neu auf und legte mit seinen Reformen – unter anderem der Einführung des direkten Lohnsteuerabzugs – die Grundlagen für das noch heute vorhandene deutsche Steuersystem. In seiner Reform der Reichsfinanzen 1919 schaffte er mit den Matrikularbeiträgen auch das Kostgängertum und die Abhängigkeit des Zentralstaats von den Ländern ab.
Durch die stärkere Zentralisierung der Steuereinnahmen und die Belastung größerer Vermögen zur Sanierung der Reichsfinanzen wurde Erzberger noch mehr zur Zielscheibe und Hassfigur rechter Propaganda.
Insbesondere sah er sich ständigen Angriffen des einstigen Reichsvizekanzlers und späteren DNVP-Abgeordneten Karl Helfferich ausgesetzt. Als dieser ihm in der Broschüre „Fort mit Erzberger“ (1919) eine „unsaubere Vermischung politischer Tätigkeit und eigener Geldinteressen“ vorwarf, strengte Erzberger einen Prozess gegen Helfferich wegen Beleidigung an. Am 12. Februar 1920 gab das Gericht schließlich ein Urteil bekannt, in dem Helfferich zu einer geringen Geldstrafe verurteilt, seine Darstellung jedoch als teilweise zutreffend dargestellt wurde. Das Urteil gilt als bekanntes Beispiel für die in der Weimarer Republik typische politische Justiz der Richter, die oft „auf dem rechten Auge blind“ waren. Erzberger nahm das Urteil zum Anlass, wenige Wochen später als Reichsfinanzminister zurückzutreten.[4]
Infolge der rechten Hetzpropaganda wurde Erzberger Opfer eines Fememordes (siehe dazu Fememorde in der Weimarer Republik). Bereits am 26. Januar 1920 hatte der ehemalige Fähnrich Oltwig von Hirschfeld ein Schusswaffenattentat auf Erzberger verübt, als dieser das Gerichtsgebäude in Berlin-Moabit verließ. Erzberger wurde dabei leicht an der Schulter verletzt, eine zweite Kugel prallte an einem Metallgegenstand in seiner Tasche ab. Hirschfeld wurde nur zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Bei Erzberger hinterließ das Attentat einen tiefen Schock. Obwohl er versuchte in die Politik zurückzukehren, fürchtete er doch die Folgen: Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen, vertraute er seiner Tochter Maria an.[5]
Am 26. August 1921 passten die ehemaligen Marineoffiziere Heinrich Tillessen[6] und Heinrich Schulz – beide Angehörige der rechten Organisation Consul, des Freikorps Oberland und des Germanenordens – Erzberger in Bad Griesbach im Schwarzwald bei einem Spaziergang mit seinem Parteifreund Carl Diez ab. Sie schossen sechsmal auf den Politiker, der gerade im Erholungsurlaub war. Schwer verletzt stürzte Erzberger eine Böschung hinab. Die Attentäter töteten ihn dann aus nächster Nähe mit zwei weiteren Schüssen in den Kopf, auch Diez wurde schwer verletzt. Ein Gedenkstein in einer Kehre der Bundesstraße 28 zwischen Bad Griesbach und Freudenstadt erinnert an diese Bluttat. Er trägt die schlichte Inschrift:
| † |
|---|
| Hier starb |
| Matthias Erzberger |
| Reichsfinanzminister |
| am 26.8.1921 |
| R•I•P |
Das Grab Erzbergers befindet sich noch heute in Biberach an der Riß.
Der Hauptattentäter Heinrich Tillessen wurde 1933 amnestiert, 1946 wurde diese Amnestierung wiederholt, 1947 aber nach öffentlichem Skandal aufgehoben. Tillessen wurde im März 1947 von einem Konstanzer Gericht zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt,[7] Heinrich Schulz verurteilte ein Offenburger Schwurgericht am 19. Juli 1950 zu 12 Jahren Zuchthaus.[8] Beide büßten davon aber nur einen geringen Teil ab und wurden schon 1952 entlassen.[9]
Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen bei Münsingen erinnert als Erinnerungsstätte Matthias Erzberger an sein Wirken. In Biberach wurde eine Haus- und Landwirtschaftliche Schule nach ihm benannt. Außerdem tragen Straßen in vielen verschiedenen Städten und Gemeinden Deutschlands seinen Namen. Neustadt an der Weinstraße dagegen hält daran fest, Erzbergers Feind Karl Helfferich durch die Benennung einer bedeutenden Straße zu ehren.
Eugen Schiffer | Bernhard Dernburg | Matthias Erzberger | Joseph Wirth | Andreas Hermes | Rudolf Hilferding | Hans Luther | Otto von Schlieben | Hans Luther | Peter Reinhold | Heinrich Köhler | Rudolf Hilferding | Paul Moldenhauer | Heinrich Brüning | Hermann Dietrich | Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk
Philipp Scheidemann (Ministerpräsident, SPD) | Eugen Schiffer (DDP) | Bernhard Dernburg (DDP) | Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau (parteilos) | Hugo Preuß (DDP) | Otto Landsberg (SPD) | Rudolf Wissell (SPD) | Robert Schmidt (SPD) | Gustav Bauer (SPD) | Gustav Noske (SPD) | Johannes Bell (Zentrum) | Johannes Giesberts (Zentrum) | Georg Gothein (DDP)
Eduard David (SPD) | Matthias Erzberger (Zentrum)
Gustav Bauer (Reichskanzler, SPD) | Matthias Erzberger (Zentrum) | Eugen Schiffer (DDP) | Hermann Müller (SPD) | Eduard David (SPD) | Erich Koch-Weser (DDP) | Rudolf Wissell (SPD) | Robert Schmidt (SPD) | Alexander Schlicke (SPD) | Gustav Noske (SPD) | Johannes Bell (Zentrum) | Johannes Giesberts (Zentrum) | Wilhelm Mayer (Zentrum) | Otto Geßler (DDP)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Erzberger, Matthias |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politiker (Zentrumspartei) |
| GEBURTSDATUM | 20. September 1875 |
| GEBURTSORT | Buttenhausen bei Münsingen (Württemberg) |
| STERBEDATUM | 26. August 1921 |
| STERBEORT | Bad Griesbach im Schwarzwald |
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