Kriegsgefangenenlager 126 Nikolajew


Das Kriegsgefangenenlager 126 Nikolajew war ein Lager der UdSSR für Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs. Es bestand von 1943 bis 1949 und unterstand der Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten (russisch Главное Управление по Делам военнопленных и интернированных / Glawnoje uprawlenije po delam wojennoplennych i internirowannych) in Moskau.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte des Lagers

Das Kriegsgefangenenlager 126 Nikolajew hatte seinen Ursprung bei Schadrinsk in der westsibirischen Oblast Kurgan.

Dort wurde es im Juni 1943 am linken Ufer des Isetj am Rande eines Kiefernwaldes eingerichtet. Es bestand aus Erdhütten und Unterständen und sollte für bis zu 10.000 Kriegsgefangene vorgesehen werden. Der Aufbau des Lagers durch sowjetische Strafgefangene vollzog sich wegen Material- wie Personalmangels sehr schleppend. Am 18. September 1943 kamen die ersten beiden Gruppen deutscher Kriegsgefangener, insgesamt 996 Mann, ins Lager. Bei einer danach durchgeführten Untersuchung der Lagerinsassen wurden 896 Mann entsprechend der 1. und 2. Kategorie als arbeitsfähig befunden. Bedingt- oder Nichtarbeitsfähige wurden entweder dem Genesendenkommando überstellt oder als Kranke zur stationären Heilbehandlung in ein SpezHospital verbracht.

Die eingetroffenen Kriegsgefangenen wurden hauptsächlich für den weiteren Ausbau des Lagers eingesetzt, zwei Metallarbeiterbrigaden, zusammen 60 Mann, arbeiteten in der Produktion. Im Februar 1944 erging für das Lager 126 der Befehl, es in die von der deutschen Wehrmacht befreiten Gebiete der Ukraine zum Wiederaufbau der vom Feind zerstörten Wirtschaft und Industrie zu verlegen. Die Lagerinsassen wurden entsprechend dem NKWD-Befehl auf andere Lager verteilt, insgesamt 759 Mann ins Lager 84 verlegt, Geschwächte in ein SpezHospital eingewiesen. Zunächst war als neuer Standort des Lagers Tschernigow vorgesehen, dann Kriwoi Rog, schließlich nach der Rückeroberung Nikolajews im März 1944, entsprechend dem NKWD UdSSR-Befehl vom 30. April 1944, diese Schwarzmeerhafenstadt. Entsprechend den Wiederaufbauplänen sollten neben kleineren Einsatzstellen vor allem in den beiden Großwerften in Nikolajew, der Werft „61 Komunara“ am Ingul und der Werft „André Marty“ am Südlichen Bug, insgesamt 3.000 Kriegsgefangenen eingesetzt werden.

Ein Vorkommando der Lagerleitung traf am 10. Mai 1944 in Nikolajew ein und entschied, auf dem der Werft „61 Komunara“ gegenüber gelegenen Gelände Temwod, das zuvor von der deutschen Besatzungsmacht genutzt worden war, die Kriegsgefangenen unterzubringen.

Gedächtnisskizze der Stadt Nikolajew von 1952 - mit Angaben über die Standorte des Kriegsgefangenenlagers 126

Am 14. Mai 1944 traf aus einem Sammellager der erste Schub von 1.196 Kriegsgefangenen in diesem Komplex von zweistöckigen Mittelganghäusern ein. Im Juni wurde bei der Werft „André Marty“ eine Anzahl von einstöckigen Mittelganghäusern ebenfalls für die Aufnahme von Kriegsgefangenen eingerichtet. Während die Kriegsgefangenen vom Hauptlager und Südlager sprachen, wurden die Komplexe von der sowjetischen Verwaltung als Lagerabteilungen bezeichnet, das Südlager als Lagerabteilung Nr.1, das Hauptlager als Nr. 2 (zu den sowjetamtlichen Skizzen der beiden Lagerabteilungen siehe unter Diskussion). Vom Hauptlager wurde noch 1944 eine Anzahl von etwa 5 Gebäuden abgetrennt zur Aufnahme Bedingt-Arbeitsfähiger und –unfähiger, Genesender und Kranker, OK-Zone genannt. Neben diesen beiden mit mehr als je 1.000 Kriegsgefangenen belegten Lagerabteilungen wurden vorübergehend noch bis zu 15 weitere kleinere Lagerabteilungen, jeweils in der Nähe von oder auf Arbeitsplätzen, eingerichtet, darunter in etwa 40 km Entfernung nördlich von Nikolajew ein Kolchos, der der Versorgung des Lagers mit landwirtschaftlichen Produkten dienen sollte.

Diese kleineren Lagerabteilungen, ausgenommen der Kolchosbetrieb, wurden bald wieder aus den unterschiedlichsten Gründen, aber auch wegen der ab Herbst 1945 einsetzenden Repatriierung, aufgehoben. Schließlich wurde nach dreieinhalb Jahren im Herbst 1948 auch die Lagerabteilung Nr.1, das Südlager, aufgelöst und die Restbelegung in die Lagerabteilung Nr. 2 – Hauptlager übergeführt. Zeitgleich erfolgte die verwaltungsmäßige Übernahme dieser Lagerabteilung als 7. Abteilung des Lagers 159 – Odessa, die als solche noch bis zur endgültigen Auflösung und Repatriierung der dortigen Kriegsgefangenen Ende Mai 1949 existierte.

Die Gebäude der beiden großen Lagerabteilungen 1 (Lage: 46° 56′ 29,55″ N, 31° 57′ 49,33″ O46.94154166666731.963702777778) und 2 einschließlich der OK-Zone (Lage: 46° 58′ 50,34″ N, 32° 0′ 26,8″ O46.9806532.007444444444) sind inzwischen abgerissen worden. Bei den Erweiterungen der Werften, der inzwischen umbenannten „André Marty“ (jetzt: Tschernomorskij Sudostroitelnij Sawod) und „61 Komunara“, werden diese Areale anderweitig genutzt.

Über die Kriegsgefangenen, ihre Herkunft und Repatriierung

Die ersten Schübe Kriegsgefangener kamen aus Sammelstellen in der südlichen Ukraine und aus dem Sammellager Uman. Die Gefangenen waren zumeist beim schnellen Rückzug in dieser Gegend und im Zusammenhang mit der Einschließung bei Kamenez-Podolsk gemacht worden. Eine große Anzahl Lagerinsassen war im Sommer 1944 bei der Einkesselung im Mittelabschnitt, bei Bobruisk, in sowjetischen Gewahrsam geraten. Im Herbst wurden mehrere Hundert Ungarn eingeliefert. Sie waren geschlossen als 1.ungarische Freiwilligen-Division zur Roten Armee übergelaufen und trugen ein auf die Spitze gestelltes kleines Metalldreieck mit der Zahl 1 an ihren Käppis. Außer ihren Waffen war ihnen nichts abgenommen worden, so dass sie in dem – sich als irrig herausstellenden - Glauben waren, ihrer Absicht entsprechend gegen die Wehrmacht eingesetzt zu werden. Große Schübe weiterer Gefangenen trafen nach der Kapitulation im Mai 1945 im Lager ein – aus Böhmen darunter auch solche, die zunächst in us-amerikanische Gefangenschaft gegangen waren und danach, weil sie bis zuletzt gegen die Rote Armee gekämpft hatten, dieser übergeben worden waren. Unter den fast 28.000 Gefangenen, die sich im Gewahrsam des Lagers befanden, machten Angehörige von Wehrmacht und SS den Hauptanteil aus (darunter mehr als 15.000 Deutsche aus dem Reichsgebiet von 1934). Außer den bereits erwähnten Ungarn (insgesamt fast 8.000) befand sich im Lager eine namhafte Zahl Rumänen (3.100), unter denen sich viele als Moldauer oder Bessarabier (mehr als 1.000) ausgaben, sowie sich die Ostmärker sogleich nach der Gefangennahme, also auch schon bevor Österreich existierte, bereits als Österreicher (628) bezeichneten. Die sowjetische Lagerleitung zählte unter den Gefangenen nicht weniger als 28 Nationen, darunter 2 Juden und 1 Zigeuner.

In der Lagerabteilung Nr.1 waren vorübergehend ab etwa Jahreswechsel 1945 / 46 für die Dauer fast eines Jahres ungefähr ein Dutzend Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren interniert. Sie stammten aus dem Osten Rumäniens, also z.T. aus dem Gebiet des heutigen Moldawiens. Sie wurden im Lager und in der Garnison beschäftigt.

Erste Entlassungen in die Heimat erfolgten bereits im Herbst 1945. Dabei handelte es sich ausschließlich um Kranke, Invaliden und dauerhaft Arbeitsunfähige, auch deutsche – sofern sie nicht schon bei Kontrollen als Angehörige solcher Einheiten ausgemacht worden waren, die in Kriegsverbrechen verwickelt waren oder im Verdacht solcher Taten standen. Weitgehend nach diesen Kriterien erfolgten im folgenden Jahr weitere Repatriierungen, bei denen Rumänen (einschließlich Moldauer) und Ungarn gegenüber Deutschen verständlicherweise aus nachkriegspolitischen Gründen den Vorzug hatten.

Einrichtungen und Organisation

Die beiden großen Lagerabteilungen verfügten über Versorgungseinrichtungen wie Küche und Magazine und erhielten im Verlauf der Zeit auf die Belange des Lagers abgestimmte Reparaturwerkstätten wie Schneiderei, Schuhmacherei, Tischlerei.

In den Gebäuden, allgemein als Korpusse bezeichnet, wurde anfangs mangels Bettgestellen auf dem Fußboden geschlafen, gegen Ende des Jahres 1944 wurden zwei- oder dreistöckig Holzpritschen eingebaut, die schließlich ab Sommer / Herbst 1945 einfache, aus Eisenrohr zusammengeschweißte zweistöckige Gestelle ohne Auflage ersetzten. Materialien von der Arbeitsstätten, wie hauptsächlich Draht, wurde zwischen die Rohre gespannt; als Unterlage dienten mit Schilf gefüllte Strohsäcke. Licht erzeugten Ölfunzeln und Karbidlampen, ehe ab Sommer / Herbst 1945 elektrischer Strom und Glühbirnen, zumeist auf den Arbeitsstätten heimlich organisiert, zur Verfügung standen. In den gut 15m² großen Räumen der Korpusse befanden sich Öfen, die überwiegend mit auf den Arbeitsstätten organisiertem Heizmaterial, zumeist Holz jeglicher Art, befeuert wurden.

Als Verpflegung gab es zweimal täglich etwa einen Halbliter dünne Suppe und mittags zusätzlich 200g Brei, Kascha. Wichtigstes Nahrungsmittel waren jedoch 600g Brot – vorausgesetzt die nötigen Mittel waren vorhanden, was hinsichtlich Mehl bis zur Kapitulation mehrmals nicht der Fall war. Das Mehl wurde derzeit oft durch Beigabe von Rüben o.ä. gestreckt. Zur Verpflegung gehörten weiter geringe Mengen Zucker und Tabak (fast nur Machorka-Grobschnitt), Kernseife und Streichhölzer. Die Mittagsverpflegung wurde in großen Blechkübeln aus der Lagerküche an die Arbeitsstellen befördert und dort während der halbstündigen Pause ausgegeben.

Geschirr und Besteck wurden vom Lager nicht gestellt, die mussten sich die Kriegsgefangenen selbst beschaffen. So waren für den Empfang von Suppe und Kascha neben geretteten Wehrmachts-Kochgeschirren Gefäße eigenartigster Konstruktion in Gebrauch - von der einfachen Konserverdose bis zu künstlerisch gestalteten und ornamental geschmückten Kochgeschirren aus Aluminium. Für etliche Gefangene das wichtigste Utensil, das einige selbst bei der Arbeit irgendwie an der Kleidung befestigt trugen.

Als Bekleidung hatten die Gefangenen im Kriegswinter 1944 / 45 zumeist nur das, womit sie in Gefangenschaft geraten waren, oft weniger als das, weil ihnen auf dem Weg ins Sammellager für weggenommene Bekleidung (i. d. R. Uniformjacken und vor allem Schuhzeug, die dem eignen Gebrauch, aber auch zum Tausch bei der Bevölkerung gegen Verpflegung und Alkoholika dienten, gelegentlich sogar Unterwäsche) nur minderwertiger Ersatz, wenn überhaupt, wiedergegeben wurde. So besaß kaum einer der vor der Kapitulation Gefangenen ausreichendes Schuhwerk; viele kamen barfuß ins Lager und mussten sich mit Fußbrettern behelfen. Später wurden neben zusammengeflickten alten (zumeist einzelnen) Stiefeln vielfach die typischen Holländer Holzschuhe ausgegeben.

Ab Herbst 1945 wurde für den kommenden Winter wärmere Oberbekleidung ausgegeben, aus Beutebeständen und auch abgesteppte Wattejacken (sog. Fufaika). Zur Kenntlichmachung als Kriegsgefangene war die Oberbekleidung am Arm mit den kyrillischen Buchstaben WP als Kürzel für woennoplennij (ВП) zu versehen. Etwa zur gleichen Zeit begann der Postverkehr; dafür wurden vorgedruckte Doppelkarten (zur Rückantwort) des sowjetischen Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes ausgegeben.

Bei der Ausgabe der letztgenannten Gegenstände ging man wegen des Mangels, dass nicht sämtliche Kriegsgefangenen bedacht werden konnte, nach dem allgemein angewandten Prinzip vor, die besten Arbeitskräfte (die 100 und mehr Prozenterfüller) zu bevorzugen.

Die lagerinterne Verwaltung lag in den Händen von Kriegsgefangenen, bei Lagerführern und Korpusältesten, die von der sowjetischen Lagerleitung und dem NKWD-Residenten ausgewählt waren. Bei der Auswahl spielten Alter, Gesinnung, Durchsetzungsfähigkeit und vor allem russische Sprachkenntnisse eine wichtige Rolle. Sie waren vom Arbeitseinsatz außerhalb des Lagers befreit und hatten im Lager für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Anfangs wurden für diese Aufgaben wie für die Dienste im Lager Nichtdeutsche, vor allem Rumänen (unter diesen die Moldauer), bevorzugt eingesetzt, die in den Deutschen die Schuldigen ihrer Misere sahen. Das geschah ebenfalls bei der Zuweisung zu den Arbeitsstellen, solange, bis auf sowjetischer Seite die Einsicht reifte, dass die deutschen Kriegsgefangenen aufgrund ihrer besseren Ausbildung bessere Leistungen erbringen. Die sowjetische Lagerleitung nutzte diese Konfliktsituation unter den Nationalitäten für die gegenseitige Überwachung aus.

Sogleich nach der Verlegung nach Nikolajew wurden umständehalber in den Lagerabteilungen 1 und 2 Räume zur stationären wie ambulanten Behandlung der Kranken, Verwundeten und Verletzten eingerichtet. Das um die Jahreswende 1944/45 aufgebaute, einer anderen Behörde unterstellte Spez Hospital Nr. 4564 nahm ab Frühjahr 1945 die schweren Fälle auf. Es lag inmitten der Stadt.

Arbeitseinsatz

Über den Arbeitseinsatz des einzelnen Gefangenen entschied neben den beruflichen Fähigkeiten seine körperliche Verfassung. Sie wurde durch sowjetische Ärzte bei regelmäßigen Untersuchungen der gesamten Lagerbelegschaft (die auch der Feststellung von Blutgruppentätowierungen bei SS-Angehörigen dienten) festgelegt und unterschied fünf Kategorien

  • Kategorie I und II – uneingeschränkt arbeitsfähig
  • Kategorie III – bedingt arbeitsfähig
  • Kategorie OK - leichtere Arbeit, bis zu 4 Stunden täglich, Genesende
  • Kategorie Dystrophie – arbeitsunfähig, bettlägerig.

In akuten Krankheitsfällen befanden ebenfalls diese Ärzte vor dem Abmarsch auf die Arbeitsstellen über die Einsatzfähigkeit des Betreffenden.

Die Arbeitszeit bemaß sich auch für die Kriegsgefangenen nach den allgemein gültigen Arbeitsregeln der Sowjetunion, in der der Acht-Stundentag galt. Von gelegentlichen Ausnahmen, vor allem in den Jahren 1944 und 1945 abgesehen, wurde diese Regel tatsächlich auch eingehalten. Mittags, also zur Hälfte der Arbeitszeit, wurde eine halbstündige Pause zum Essen und zur Ruhe eingelegt.

Für den Arbeitseinsatz wurden die Kriegsgefangenen nach Nationalitäten getrennt in Arbeitsbrigaden eingeteilt, deren fachliche Zusammensetzung und Stärke sich nach dem Bedarf am Arbeitsplatz richtete. Während Ingenieure, Handwerksmeister und Vorarbeiter der einheimischen Betriebe die Aufgaben stellten (oft nach ministriellen Vorgaben aus Moskau), teilten Brigadiere ihre Mannschaft je nach Fähigkeiten für die Ausführung ein. Derweil hatten Rotarmisten allein die Aufgabe, ringsum die abgegrenzte Arbeitszone zu bewachen. Das hielt sie in der ersten Zeit nicht davon ab, die Kriegsgefangenen auf dem Weg zur und bei der Arbeit anzutreiben.

Als ab Ende 1945 durch Entlassungen aus der Roten Armee Personalknappheit bei der Bewachung eintrat, rekrutierte man aus den Reihen der Lagerinsassen ausgesuchte Gefangenen als sog. Hilfskommando (wspomogatelnaja komanda), die unter Aufsicht von Rotarmisten die Arbeitsbrigaden begleiteten und als Posten die Grenzen der Arbeitszonen bewachten. Sie waren durch die kyrillischen Buchstaben für WK (ВК) auf dem Oberarm kenntlich.

Der Arbeitseinsatz in den ersten Monaten bestand hauptsächlich in Aufräumungsarbeiten auf den Werften und den sonstigen Betrieben. Frühzeitig wurden Facharbeiterbrigaden u.a. für die Eisen- und Holzverarbeitung gebildet und entweder in Zusammenarbeit mit Zivilisten oder in für sie abgetrennten Werkstätten eingesetzt.

Der Arbeitseinsatz erfolgte nach den allgemein in der Sowjetunion geltenden Regeln, die für jede messbare Arbeit bestimmte Leistungsnormen vorschrieben und für deren Erfüllung Entgelte festgeschrieben waren, die in der Summe an die Lagerverwaltung abzuführen waren. So war jährlich eine grobe Kosten-Nutzenrechnung möglich. Je nach dem Maß der Erfüllung der Arbeit erhielten die Brigaden Zulagen von Brot, und zwar bei 100% und mehr 200g, bei 80 % 100g je Person.

In einer Statistik der sowjetischen Lagerverwaltung für die Ministerien in Moskau und Kiew stellt sich der Arbeitseinsatz der Kriegsgefangenen wie folgt dar:

Zeitraum 1944 1945 1946 1947 1948
Durchschnittliche Lagerbelegung 6534 10033 8386 6340 3469
Arbeitskräfte 3732 6347 6892 4912 2985
Anteil an der Gesamtbelegung % 57,2 63,2 82,2 76,3 85,8
Arbeitstage 428.555 1.500.398 1.829.551 1.198.805 743.261
Wert der Leistungen [in Rubeln] 3.998.763 15.408.524 23.708.661 18.104.800 10.373.900
Durchschnittl. Arbeitsproduktivität % 91,5 96,0 110,4 97,7 94,0
Durchschnittl. Tagesleistung [in Rubeln] 9-35. 10-26 12-95 15-10 14-00

Danach sollen die Kriegsgefangenen rund 71,6 Mill. Rubel erarbeitet haben.

Diese Statistik spiegelt die physische Konstitution der Gefangenen und damit indirekt auch die Lebensmittel-Versorgungslage wider. So war selbst bei großzügiger Wertung der Arbeitsfähigkeit 1944 nur etwas mehr als die Hälfte der Gefangenen einsatzfähig. Die ab Herbst 1945 für gut ein bis anderthalb Jahr wesentlich verbesserte Ernährungssituation (dank us-amerikanischer Lieferungen) schlägt sich in den positiveren Ergebnissen des Jahres 1946 nieder. Ab 1947 ist insoweit wieder die tatsächliche Verschlechterung sichtbar.

Finanzierung des Lagers

Die Kriegsgefangenenlager hatten sich aus den Erträgen des Arbeitseinsatzes der Kriegsgefangenen möglichst selbst zu finanzieren.

Für das Lager 126 hat die Lagerverwaltung in ihrem Abschlussbericht anlässlich der Übergabe an das Lager 159 – Odessa folgendes an das zuständige Ministerium in Moskau gemeldet:

Aus den aufgewendeten Mitteln für den Unterhalt des Lagers von insgesamt 79,7 Millionen Rubel entfielen auf

Posten 1 Löhnung des Personals 11,4 Millionen Rubel
Posten 2 Reisekosten 567.000 Rubel
Posten 3 Reichsversicherung 114.000 Rubel
Posten 4 Verwaltungsausgaben 2,1 Millionen Rubel
Posten 7 Unterhalt für Kriegsgefangene 63,0 Millionen Rubel
davon sind in dieser Zahl enthalten für
a) Verpflegung der Kriegsgefangenen 53,3 Millionen Rubel
b) Geldprämienzahlung an die Kriegsgefangenen 2,6 Millionen Rubel
c) Sachversorgung der Kriegsgefangenen [Kleidung u.ä.] 5,4 Millionen Rubel

Außerdem werden im Bericht nicht bewertete Kosten für sanitäre/medizinische Leistungen, für Transporte u.ä. erwähnt.

Bei der Abwicklung des Lagers 126 wurde das dem Lager 159 übergebene Kapital mit 1,8 Millionen Rubel beziffert neben frei angesammelten Mitteln in Höhe von 3,8 Millionen Rubel.

Zu oben b) Geldprämien: Für den Unterhalt des einzelnen Gefangenen wurde zunächst ein Pauschalbetrag zugrundegelegt. Was diesen Betrag überschritt, wurde ab etwa Winterhalbjahr 1945/46 dem Kriegsgefangenen ausgezahlt. Da dieser Betrag vergleichsweise hoch angesetzt war, war es ungelernten Arbeitern so gut wie unmöglich, Geld zu verdienen, zumal die Erfüllung ungelernter Arbeit wie der Aushub von Gruben (was größere, bei der Mangelverpflegung jedoch nicht vorhandene körperliche Kräfte erfordert) wertmäßig geringer bemessen war als Handwerksarbeit wie z.B. das Drehen von Kolben (was für einen gelernter Dreher auch bei schlechterer körperlicher Verfassung zu schaffen wäre).

Politische Arbeit - Antifa

Für die Erfüllung der politischen Arbeit wurde vorausgesetzt, dass die sowjetische Lagerleitung parteilich organisiert war. So bestand schon seit Gründung des Lagers dem Abschlussbericht zufolge ein reger Kontakt zu den örtlichen Parteikadern.

Größter Wert wurde auf die Umerziehung der Kriegsgefangenen im kommunistischen Sinne gelegt. Mit dieser Aufgabe wurde allerdings erst im Frühjahr 1945 intensiver begonnen; das war nach der deutschen Kapitulation vermeintlich nachhaltiger. Aus den Reihen der Gefangenen wurden solche ausgesucht, die antifaschistisch eingestellt waren oder sich unter den herrschenden Umständen als solche ausgaben und die sich zur Verbreitung dieser Einstellung eigneten. Im Kern genügte dafür jedoch eine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus / Faschismus nicht allein, sondern es kam auch darauf an, die kommunistischen Ideen und Demokratie nach bolschewistischem Muster zu verstehen. Diese ausgewählten Gefangenen absolvierten Kurse und schrieben über politischen Themen für die Wandzeitungen. Dazu gaben historische Daten wie die Oktoberrevolution, der 9. November 1918 in Deutschland, der 1. Mai, der 22. Juni 1941, der Tag des Überfalls auf die Sowjetunion, und Stalins Geburtstag jeweils im Dezember hinreichend Anlass. Nur unter den obwaltenden Verhältnissen fruchtete diese Aktionen kaum. Für die Zeit in Schadrinsk wurde dieser Mangel sogar nach Moskau berichtet. In Nikolajew war es nicht viel anders. Über Antifa sprach man insgeheim abwertend, und die Antifa-Aktivisten, oft Wendehälse, nahm man nicht ganz ernst.

Zu Kriegszeiten kamen Ausgaben der Zeitung „Freies Deutschlan“ des gleichnamigen Nationalkomitees, das der Bund deutscher Offiziere unterstützte, ins Lager. Deren Artikel und Resolutionen riefen zum Widerstand gegen Hitler und seine Anhänger mit dem Ziel auf, den Krieg zur Vermeidung weiterer Opfer und Zerstörungen zu beenden. Nach der Auflösung des Komitees wurde das Lager mit Zeitungen aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) beliefert –„Neues Deutschland“, dem Organ der Sozialistischen Einheitspartei (SED), „Tribüne“ des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), allerdings auch die „National-Zeitung“ der National-Demokratischen Partei (NDPD).

Entsprechend diesen Vorgaben führte die bescheidene Lagerbücherei fast ausschließlich politische Werke, solche von Stalin und Schdanow, sowie von und über deutsche Kommunisten. Unter den Schöngeistern waren die deutschen Emigranten Theodor Plivier und Willi Bredel, 1962-64 Präsident der Deutschen Akademie der Künste der DDR, vertreten.

Für wie bedeutend diese Aufgabe angesehen wurde, davon zeugt der beträchtliche Umfang dieses Themas im Bericht der Lagerleitung an das Ministerium im Moskau.

Sterblichkeit

Zur Sterblichkeit unter den Kriegsgefangenen enthalten die Berichte keine Angaben, das Wort Sterblichkeit wird nicht einmal erwähnt.

Bis etwa Mitte 1945 war die Sterberate unter den Gefangenen durch Krankheit, mangelnde Ernährung und psychische wie physische Belastungen sehr hoch. Die Toten aus der OK-Zone, mit Beginn des Winterhalbjahres täglich um die 3 bis 6 Mann, zuvor geringerer Zahl, wurden unweit in Massengräbern, Gruben am Ufer des Ingul, beerdigt. Ob die in der Lagerabteilung 1 Verstorbenen zur Beerdigung in die OK-Zone befördert wurden oder nahebei in den Dünen am Ufer des Bugs vergraben wurden, ist unbekannt.

Beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. sind in Nikolajew für die Zeit von 4. April 1945 bis zum 20. April 1949 383 verstorbene und auf dem städtischen Friedhof beigesetzte Kriegsgefangene und Internierte der Lager 4564 und 159/7 registriert. Bei dem „Lager 4564“ handelt es sich um das einer anderen Moskauer Behörde unterstellte, mitten in der Stadt gelegenen Kriegsgefangenenhospital. Das Lager 159/7 ist das ab 1949 den Lagern in Odessa verwaltungsmäßig angegliederte „Hauptlager“ in Nikolajew mit der vorherigen amtlichen Bezeichnung 126/2 (Temwod).

Nur als Anhalt: Im Abschlussbericht vom 31. Januar 1951 über das Lager Nr. 159 – Odessa – (Blatt 29) werden für das 4.Viertel 1944 als verstorben 654 Mann gemeldet. Wird die andernorts angeführte Belegung von 11.687 Mann zugrundegelegt, ergibt sich - umgerechnet auf ein Jahr - eine Quote von 22,4%. Für 1946 (Blatt 35) werden 66 Tote erwähnt, was bei einer Belegung mit 12.769 Mann 0,5 % entspricht.

Literatur

  • P. Martin Streidel: So war das damals. Karl Glas Witwe, München
  • Rudolf Henze: Die Theatergruppe - Musik hinter russischem Stacheldraht. Selbstverlag, Seelze
  • Dankward Sidow: Ruki werch! - 1908 Tage in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Selbstverlag, Hamburg






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