Kapitalismus ist ein vielfältig verwendeter Ausdruck, der vor allem Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen bezeichnet, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln sowie der dezentralen Planung der Wirtschaftsprozesse, die über den Marktmechanismus koordiniert werden, beruhen. Als weitere charakteristische Merkmale werden oftmals das Streben nach Gewinn sowie der Gegensatz zwischen Unternehmern bzw. Kapitaleignern und lohnabhängigen Beschäftigten betrachtet.
Als Epoche der Wirtschaftsgeschichte wird der Kapitalismus vom Feudalismus und Merkantilismus abgegrenzt. Er wird in unterschiedliche Phasen oder Entwicklungsformen eingeteilt, wie Frühkapitalismus, Industriekapitalismus und Spätkapitalismus. Max Weber begreift den Kapitalismus im Zusammenhang mit der Herausbildung des okzidentalen Rationalismus.[1] Für diesen ist eine Wirtschaftsgesinnung typisch, die Werner Sombart als „kapitalistischen Geist“ und Weber als „asketisch-rationalen Geist“ aus der protestantischen Ethik abgeleitet hat.[2] Weber betont als Merkmal des klassischen Kapitalismus die Reinvestition der erzielten Gewinns und die Dauerhaftigkeit des aufgebauten Unternehmens gegenüber der Oikoswirtschaft mit ihrer Orientierung auf das Erzielen einer Rente.[3]
Dem stehen die nicht historisierenden Charakterisierungen des Kapitalismus gegenüber: Die Österreichische Schule sieht Kapitalismus als ein System, bei dem „die wirtschaftlichen Handlungen nach den Ergebnissen der Kapitalrechnung ausgerichtet werden“. Die ordoliberale Ordnungstheorie Walter Euckens sucht die Einteilung von Wirtschaftssystemen in sozialistisch und kapitalistisch entbehrlich zu machen, indem sie die Ordnungsformen Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft unterscheidet.[4]
Die vielfältige Auseinandersetzung und Verwendung geht nicht zuletzt auf die kontroverse Diskussion um Karl Marx Hauptwerk Das Kapital zurück. Kapitalismus wurde als politisches Schlagwort in vielfältigen Ableitungen benutzt, so bei Manchesterkapitalismus, Laissez-faire- oder Staatsmonopolistischer Kapitalismus, und wird bis in die Gegenwart in weiteren Komposita, wie etwa Turbo- oder Finanzkapitalismus, angeführt und verwendet. Trotz der politischen Gegnerschaft wurde in zentralen marxistischen Schriften, so dem Manifest der Kommunistischen Partei, die bedeutende Rolle des Kapitalismus wie der ihn tragenden Schicht, dem Bürgertum, bei der Ausweitung der weltweiten Wirtschaftsproduktion und der Überwindung regionaler Grenzen anerkannt. Eine uneingeschränkte Parteinahme für den Kapitalismus, wie die Verwendung des Begriffs als positiv besetzte Eigenbezeichung, ist mit Ausnahme einiger libertärer Gruppierungen eher selten.
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Etymologisch leitet sich das Wort von lat. „capitalis“ („den Kopf“ oder „das Leben betreffend“) ab, dieses selbst geht auf „caput“ − „Kopf“ zurück. Ab dem 16. Jahrhundert[5] findet sich das italienische Lehnwort „capitale“ − „Vermögen“ im Sinne der Kopfzahl eines Viehbestandes, als Gegensatz zu den frisch geworfenen Tieren als „Zinsen“.[6][7] Nach anderen Quellen machte schon im Lateinischen „caput“ und „capitalis“ einen Bedeutungswandel durch, der im deutschen durch „Haupt-“ nachvollzogen wird. „Summa capitalis“ war die Hauptsumme in Wirtschaftsrechnungen, woraus „Kapital“ entstanden sei.
Ausgehend von diesem Wortstock werden Worte wie „Kapital“ und „kapitalistisch“ bereits im 18. und 19. Jahrhundert gebraucht, jedoch mit vagem und unspezifischem Sinn.[4] Das Wort „capitaliste“ ist erstmals 1753 in Frankreich belegt und meint hier Person, die Güter besitzt.[8] Julius von Soden verwendet in National-Oekonomie (1805) „kapitalistisch“, um einen „Überschuss an Genußstoff, ein[en] Vorrat“ zu bezeichnen.[4] Theodor Mommsen verwendet „Kapital“ in seiner Römischen Geschichte (1854–1856).[4]
In seinem heutigen Sinn wird es erstmals von Richard de Radonvilliers 1842 verwandt. Weitere Belege für sein Auftreten finden sich bei Pierre Leroux 1848 und im Englischen erstmals bei William Thackeray 1854. Im Englischen geht seine weitere Verwendung wesentlich von David Ricardo aus. Zur Beschreibung einer Klassengesellschaft wird er vor Marx bereits 1840 in Louis Blancs Organisation du travail gebraucht; bereits dort ist er negativ wertend.[4] Karl Marx und Friedrich Engels sprechen zunächst von „kapitalistischer Produktionsweise“, später im ersten Bande von Das Kapital (1867) von „Kapitalist“; das Wort „Kapitalismus“ wird dagegen nur einmal in der erst 1905 bis 1910 erschienenen Ausgabe der 1863 verfassten Theorien über den Mehrwert (1863) genannt,[9] sowie einmal im zweiten Bande seines Hauptwerks Das Kapital (1885).[10]
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts häuft sich seine Verwendung und erlangt Bekanntheit insbesondere durch Werner Sombarts Der moderne Kapitalismus (1902) sowie durch Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904).
In der deutschen Wirtschaftswissenschaft wird statt des oft wertend gebrauchten Wortes die Bezeichnung Marktwirtschaft weitgehend synonym verwendet.[11] Unter angelsächsischen Ökonomen ist der Gebrauch des Begriffs capitalism durchgängig üblich.[12]Nach John Kenneth Galbraith wurde der Begriff „market system“ in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt eingeführt, da „capitalism“ durch die Weltwirtschaftskrise in Misskredit geraten war.[13] Tatsächlich beinhalte die Marktwirtschaft aber alle Strukturelemente des Kapitalismus und sei mit diesem gleichzusetzen.
Andere Autoren unterscheiden zwischen beiden Begrifflichkeiten. Danach hängt das Vorliegen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung von den Eigentumsverhältnissen der Produktionsmittel ab, eine Marktwirtschaft zeichnet sich durch die Koordination der Wirtschaftsprozesse über den Marktmechanismus aus.[14][15] Beide Merkmale treten im Wirtschaftssystem der kapitalistischen Marktwirtschaft gemeinsam auf; eine Marktwirtschaft kann gemäß dieser Klassifikation theoretisch jedoch ebenso ohne Kapitalismus vorliegen (Beispiel: Sozialistische Marktwirtschaft in Jugoslawien) wie Kapitalismus ohne Marktwirtschaft (Beispiel: Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschland).[16] Gleichwohl treten die beiden letztgenannten Wirtschaftssysteme vergleichsweise selten auf. Mankiw und andere Autoren verstehen Kapitalismus als Marktwirtschaft mit Privateigentum an Produktionsmitteln, bezweifeln jedoch, dass Marktwirtschaft ohne Privateigentum funktionsfähig ist.[17][18]
Erste für den Kapitalismus grundlegende Ideen finden sich in der spätscholastischen Schule von Salamanca und bei den Physiokraten.
Ein bedeutender Theoretiker des Kapitalismus ist der schottische Nationalökonom und Moralphilosoph Adam Smith mit seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (1776). Er begründet den Eigennutz als einen wichtigen Motor für Wohlstand und gerechte Verteilung und meint in Theorie der ethischen Gefühle (1759), dass die Selbstregulation des Marktes durch Gleichgewichtspreise mehr Vertrauen verdient (die „Unsichtbare Hand“).
Smith beschreibt im zweiten Buch von Der Wohlstand der Nationen, wie der Einsatz von Kapital zu einem „Ertrag oder Gewinn“ (engl. „revenue or profit“) führen könne. Die Ansammlung von Kapital hält er für notwendig, um durch dessen Einsatz technische Neuerungen zu finanzieren.[19]
Im vierten Buch wendet er sich gegen den vorherrschenden Merkantilismus, der Außenhandel als ein Nullsummenspiel betrachtete. Er entwickelt als Gegenmodell die Theorie vom absoluten Kostenvorteil, bei der durch Arbeitsteilung alle beteiligten Länder profitieren würden. David Ricardo führt Smiths Ideen in der Theorie vom komparativen Kostenvorteil fort.
Die wichtigsten Autoren der klassischen Nationalökonomie neben Smith sind David Ricardo, John Stuart Mill, Thomas Robert Malthus und Jean-Baptiste Say.
Der Begriff der „kapitalistischen Produktionsweise“ wurde maßgeblich durch Marx geprägt, am systematischsten in Marx' Hauptwerk Das Kapital, dessen erster Band 1867 veröffentlicht wurde. Das prägende Charakteristikum sind für Marx die durch das Privateigentum an den Produktionsmitteln bestimmten Produktionsverhältnisse. Das Kapital drückt dieses Verhältnis aus, es ist „ein durch Sachen vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen“. Marx gibt dem Kapital dabei ein Eigenleben, in der Art eines handelnden historischen Subjekts.[4]
Marx und Engels beschreiben die kapitalistische Gesellschaft als Gesellschaft des „Elends“, der „Ausbeutung“ und der „Entfremdung“.[20]
In seinen Frühschriften, unter anderem in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844) betont Marx besonders den Aspekt der Entfremdung.[21] Die Arbeiter seien dem Produkt ihrer Arbeit grundsätzlich entfremdet, da sie nicht für sich selbst produzierten, sondern lediglich zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts und letztlich für das Kapital, zu dessen „Anhängseln“ sie degradiert seien. Wesentliche Potentiale und Entfaltungsmöglichkeiten des menschlichen „Gattungswesens“, das heißt der menschlichen Schaffensmöglichkeiten, würden so „pervertiert“ und durch eine subtile Form der Knechtschaft ersetzt, auch wenn diese auf einer scheinbaren, jedoch nur juristischen Freiheit beruhe. Arbeit sei im Kapitalismus nicht eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung, sondern ihrem Wesen nach „Zwangsarbeit“.
In seinem späteren Werk, insbesondere im Kapital, betont Marx vor allem den ausbeuterischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise. Diese Ausbeutung leitet er aus der Analyse der kapitalistischen „Warenform“ ab. Jede Ware habe einen Doppelcharakter und besitze sowohl Tauschwert als auch Gebrauchswert (siehe auch Warenfetischismus). Die Vermehrung des Kapitals erfolge über die Ausbeutung fremder Arbeitskraft als Lohnarbeit, wobei die Ausbeutung darin bestehe, dass der Kapitalist dem Arbeiter nicht den ganzen vom Arbeiter geschaffenen Wert bezahle, sondern lediglich die gesellschaftlich durchschnittlichen Kosten, die der Arbeiter zur „Reproduktion seiner Arbeitskraft“ benötige. Den restlichen vom Arbeiter geschaffenen „Neuwert“ streiche der Kapitalist als „Mehrwert“ ein, aus dem er seinen Profit schöpfe. Jedoch sinke die vom Kapitalisten erwirtschaftete Profitrate durch das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate immer weiter, unter anderem aufgrund der Konkurrenz der Kapitalisten untereinander sowie durch den zunehmenden Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen, die nach Marx selbst keinen Mehrwert zu schöpfen imstande sind. Dieser Widerspruch zwischen sinkender Profitrate und Verwertungsbedürfnis bestimme den grundsätzlich antagonistischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise und sei letztlich die Ursache für die regelmäßigen Krisen des Kapitalismus.
Laut Marx findet die Entwicklung zu marktbeherrschenden Oligopolen und Monopolen, die zu überhöhten Preisen bzw. einer Unterversorgung des Marktes führten, zwangsläufig statt. Er bezeichnet dies als die „Zentralisation“ des Kapitals.[22]
Der grenzenlose Ausdehnungsdrang des Kapitals, der die Bourgeoisie „über die ganze Erdkugel jagt“, sei letztlich nichts als eine verzweifelte Flucht nach vorn, um den der kapitalistischen Gesellschaft systematisch inhärenten Widersprüchen durch Eroberung neuer Märkte zu entkommen. Mit dem letztlich unausweichlichen Unerträglichwerden dieser Widersprüche schlage schließlich die weltgeschichtliche Stunde der sozialistischen Revolution durch das Proletariat. Das Kapital, so Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei (1848), produziere seine eigenen „Totengräber“.
In marxistischer Tradition wird der Kapitalismus in die Phasen Früh- oder Übergangskapitalismus, Konkurrenzkapitalismus, Monopolkapitalismus, Imperialismus unterteilt. Nach dem Zeiten Weltkrieg spalteten sich die „Schulen“ in Staatsmonopolistischer Kapitalismus (orthodoxer Marxismus) und Spätkapitalismus (westlicher Marxismus).
Die ab 1850 in Deutschland aufkommende Historische Schule der Nationalökonomie lehnt die auf die Klassische Nationalökonomie und den Rationalismus zurückgehende Vorstellung von allgemein geltenden Wirtschaftsgesetzen ab, sondern sucht stattdessen ihre - oft auch soziologischen - Erkenntnisse durch die Herausarbeitung von historischen Entwicklungsgesetzen zu untermauern. Die allgemeinen Gesetze der Klassischen Nationalökonomie hätten nur Gültigkeit für das kapitalistische Wirtschaftssystem.
Ihre wichtigsten Vertreter sind Wilhelm Roscher, Bruno Hildebrand und Gustav von Schmoller.
Georg Friedrich Knapp unterscheidet den Kapitalismus durch das Aufkommen von Großbetrieben von früheren Wirtschaftsepochen.
Karl Bücher beschreibt in seiner klassisch gewordenen Entstehung der Volkswirtschaft (1917) Kapitalismus als die Wirtschaftsepoche, bei der alle ökonomischen Verhältnisse über ihre Beziehung zum Kapital definiert werden. Werner Sombart wandte sich in der zweiten Auflage von Der moderne Kapitalismus entschieden gegen diese Charakterisierung. Richard Passow wandte ein, dass dies dem üblichen wirtschaftswissenschaftlichen Gebrauch zuwiderlaufe.[4]
Die sogenannte Jüngste Historische Schule charakterisiert den Kapitalismus über eine auftretende kapitalistische Gesinnung und begründete die soziologische Untersuchung des Kapitalismus.
Werner Sombart sah diese Gesinnung in Erwerbsprinzip, Rationalität und Individualismus manifestiert. Er entwarf in Der moderne Kapitalismus (1902) die verbreitete Einteilung des Kapitalismus in die Entwicklungsphasen Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus. Im Spätkapitalismus sah er in den zunehmenden Staatseingriffen erste Anzeichen eines Entwicklungsgesetztes hin zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Von ihm stammt der später von Joseph Schumpeter verbreitete Begriff der „schöpferischen Zerstörung“.[23]
Max Weber versteht und erklärt den Kapitalismus als okzidentalen Rationalismus. Marxistischen Positionen folgend geht Weber davon aus, dass die entwickelten Industriegesellschaften mit dem Modell des Kapitalismus in Einklang stehen. Während Karl Marx der Überzeugung war, dass Industriegesellschaften durch kapitalistisches Profitstreben in ihrer Dynamik und Problemhaftigkeit bestimmt werden, stellt Weber das in allen Gesellschaftsebenen umgreifende Rationalitätsstreben in den Mittelpunkt und bezeichnet den Kapitalismus als die schicksalsvollste() Macht unseres modernen Lebens[24]. Alle Entscheidungen im kapitalistischen System basieren auf Nutzen- bzw. Gewinnmaximierung. Dabei kann ein soziales Handeln unterstellt werden, das zweckrational orientiert ist. Kapitalistische Wirtschaftsakte sind bestimmt durch „Erwartung von Gewinn durch Ausnützung von Tausch-Chancen“[25].
Der Staat, die Bürokratie und das Recht geben dem aufkommenden (Früh-)Kapitalismus für seine Entfaltung einen gefestigte gesellschaftliche Form. Religion in Gestalt von Kultur als soziales Handeln ist dabei die stärkste Macht hinsichtlich rational-methodischer Lebensführung.
Weber stellt in seinem Buch Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus die These auf, dass der Kapitalismus in Nordwesteuropa und den USA aus religiösen Gründen entstanden sei und eine – im geistigen Sinne – Weiterentwicklung der Reformationsbewegung darstelle (vgl. das protestantische Arbeitsethos und die protestantische Ethik allgemein). Da dies für Japan nicht haltbar war, untersuchte Weber die (funktional entsprechende) Rolle der Samurai.
Arthur Spiethoff bezog eine vermittelnde Position („anschauliche Theorie“) zwischen der historisierenden Charakterisierung des Kapitalismus in der Historischen Schule und der reinen Theorie der klassischen und neoklassischen Nationalökonomie.
Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich in Wien um Carl Menger die Österreichische Schule. Diese lehnte geschichtsrelativistische und geschichtsdeterministische Kapitalmustheorien ab. Ökonomische Gesetze gelten für sie immer und überall und ergeben sich aus der Knappheit der Güter und der subjektiven Beziehung der Menschen zu jenen.
Die Österreichische Schule lehnt den Homo oeconomicus der Klassischen Nationalökonomie als unrealistisch ab und bezieht auch außerwirtschaftliche Ziele in ihre Theorie ein.[26] Staatsinterventionismus in das Wirtschaftssystem wird generell abgelehnt (Ölflecktheorem).
Ludwig von Mises hielt den Kapitalismus für das einzig logisch mögliche Wirtschaftssystem. Der Sozialismus sei nicht funktionsfähig aufgrund der Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus. Mises schreibt: „Die Wirtschaftsforschung hat den Beweis erbracht, daß keine andere denkbare Wirtschaftsordnung den gleichen Grad von Prosperität erreichen könnte wie der Kapitalismus. Sie hat alle zugunsten von Sozialismus und Interventionismus vorgebrachten Beweisgründe völlig zu entkräften gewußt.“[27]
Für Österreichische Ökonomen ist das Gewinnstreben der kapitalistischen Gesellschaft kein charakteristisches Merkmal, da auch für die Produktion zur Bedürfnisbefriedigung eine Wertsteigerung der entsprechenden Güter angestrebt werden muss, d.h. zwischen der "kapitalistischen" Produktion für Profit und der "sozialistischen" Produktion für Bedürfnisse gibt es keinen Unterschied.[28] Der Unterschied bestehe nur darin, dass im Kapitalismus "Gewinn" durch sinnvolle Kostenrechnung erst rational erzielbar wird.
Nach Mises ergibt sich der Gewinn der Unternehmers daraus, dass er die zukünftigen Bedürfnisse der Verbraucher besser vorhersieht als seine Konkurrenten und sein Kapital dementsprechend einsetzt.[29] Zur Monopolbildung vertrat Mises, dass Monopole in einer freien Marktwirtschaft nicht entstehen können, bzw. nicht von Dauer seien. Monopole entstünden immer nur durch staatliche Intervention.[30]
Die bedeutendsten Vertreter der Österreichischen Schule sind außer Ludwig von Mises (Human Action (1949)) und der Nobelpreisträger Friedrich von Hayek. Der Thatcherismus beruht in Teilen auf Hayeks Analyse (The Road to Serfdom (1944)).
Joseph Schumpeter definierte einen funktionierenden Kapitalismus als das „liberale Modell einer interventionsfreien Wirtschaft, in der nur die Gesetze des freien Marktes gelten und in der keine monopolistischen Strukturen bestehen, denen es möglich ist, mithilfe der Staatsmacht partielle Interessen auf Kosten der Allgemeinheit durchzusetzen.“[31]
Schumpeter urteilte, die „Maschine Kapitalismus“ funktioniere nicht schlecht. Ihr Antrieb sei das freie Unternehmertum; gerade der Erfolg, der sich auch in Monopolen zeige, bringe es jedoch mit sich, dass der Kapitalismus seine eigene soziale Struktur, die ihn schützt und stützt, immer wieder zerstört. Schumpeter sah zwar die Möglichkeit zur ständigen Erneuerung, ging aber in Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942) davon aus, dass der Kapitalismus letztendlich an seinen Erfolgen zugrunde ginge.[32]
Er sah ihn zunächst als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Jedoch produziere er zunehmend einen Wasserkopf bürokratischer Strukturen und eine „Krise des Steuerstaats“ (indem er den Staat zu schwächen unternehme). Die Automatisierung des technischen Fortschritts führe zur immer größerer Kapitalkonzentration und diese schließlich zur Aushöhlung der Vertragsfreiheit durch kollektive Absprachen. Von Schumpeter stammt auch die Idee der „Kreislauf-Marktwirtschaft“.
Die heutige ökonomische Lehrmeinung beruht im Wesentlichen auf der neoklassischen Theorie. Diese geht davon aus, dass die wirtschaftlichen Akteure sich rational verhalten (Modell des sog. Homo oeconomicus) und versuchen, ihren eigenen Nutzen zu maximieren. Durch diese Ausrichtung am ökonomischen Prinzip soll, so die liberale Wirtschaftstheorie, der Markt für einen effizienten Einsatz knapper Güter sorgen.
Der Keynesianismus geht auf das 1937 erschienene Werk The General Theory of Employment, Interest, and Money von John Maynard Keynes zurück. Keynes beschreibt darin seine Interpretation der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren: Diese sei durch die mangelnde Fähigkeit des Laissez-faire-Kapitalismus entstanden, sich aus Investitionskrisen zu erholen. Der Keynesianismus hält den Kapitalismus ohne staatliche Intervention für instabil, da die Wirtschaft irgendwann in eine Liquiditätsfalle gerate, die nur noch durch eine langandauernde, deflationäre Wirtschaftskrise mitsamt den daraus resultierenden sozialen Spannungen, oder durch massive staatliche Intervention überwunden werden könne. Die im Wesentlichen auf Keynes zurückgehende Nachfragepolitik lehnt das Saysche Theorem ab und empfiehlt regelmäßige staatliche Eingriffe zur Stabilisierung der Nachfrage (Deficit spending).
Der Keynesianistische Beschreibung des Kapitalismus ist heute zur sog. Neoklassische Synthese weiterentwickelt worden.
Mitte des 20. Jahrhunderts bildete sich an der University of Chicago die Chicagoer Schule. Ihr wichtigster Vertreter, der spätere Nobelpreisträger Milton Friedman, ist der Auffassung, dass die Weltwirtschaftskrise durch die vorherige Intervention (Fiskalpolitik, Geldpolitik, Währungspolitik) des Staates erst ausgelöst worden sei. Damit steht Friedmans Monetarismus im Gegensatz zum Keynesianismus.
Friedman vertritt unter Verweis auf die demokratischen Entwicklungen in Europa, Amerika und Teilen von Asien, dass kapitalistische Gesellschaften langfristig zu Rechtsstaat und Demokratie tendieren.[33]
Friedmans Sohn David D. Friedman entwickelte in The Machinery of Freedom (1971) den Kapitalismus seines Vaters zu einer Form des Anarchokapitalismus weiter.
Die Freiburger Schule gilt als die deutsche Variante des Neoliberalismus. Durch die Einbettung der historisierenden Betrachtungsweise in eine allgemein geltende Ordnungstheorie erscheint für Walter Eucken der analytische Nutzen des Begriff „Kapitalismus“ für die Wirtschaftswissenschaften zweifelhaft.[34] Er nennt die marxistische Verwendung des Begriffs „Hypostase“ und „säkularisierte Gnosis“.[35] Wirtschaftsordnungen bestehen vielmehr zeitlos nebeneinander zur Lösung von Knappheitsproblemen und sozialen Interessenskonflikten. Kapitalismus und Sozialismus sind demnach mit ihren historischen und wertenden Konnotationen überflüssig. Auf diese Ordnungstheorie geht die heutige Verwendung von Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft zurück.
Ein repräsentatives Lexikon zur Soziologie definiert den Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit den Merkmalen: Güterproduktion unter Bedingungen des Privateigentums an den Produktionsmitteln, über das eine Minderheit verfügt, während die Mehrheit ein Lohnarbeitsverhältnis eingehen muss. Triebkraft der wirtschaftlichen Prozesse ist das Interesse der Produktionsmittelbesitzer an der Vermehrung des eingesetzten Kapitals, d.h. an Profitmaximierung.[36] Jedoch bestehen in jeder Gesellschaft eigene intervenierende soziale Tatbestände, die dann die Abläufe der kapitalistischen Prozesse auf ihren Märkten, das Betriebsklima ihrer Unternehmen und ihre Lebensstile deutlich variieren.[37]
Dies ist ein auch für empirisch-soziologische Forschung(en) wichtiger methodischer Hinweis. Karl Marx hat im dritten Band des „Kapital“ ausdrücklich betont, daß Theorie und Empirie niemals identisch sein können. Vielmehr handelt es sich um ein Verhältnis der Annäherung von Empirie und Theorie: „[…] in der Theorie wird vorausgesetzt, daß die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sich rein entwickeln. In der Wirklichkeit besteht immer nur Annäherung; aber diese Annäherung ist um so größer, je mehr die kapitalistische Produktionsweise entwickelt und je mehr ihre Verunreinigung und Verquickung mit Resten früherer ökonomischer Zustände beseitigt ist.“[38]
In Deutschland als „verspätete[r] Nation“ (Helmuth Plessner) entwickelte sich der Kapitalismus als nachhaltiger „Betriebsmilitarismus“ (Götz Briefs)[39] mit empirisch ausgeprägter „militärischer Betriebsorganisation.“ (René König)[40]
Privateigentum und verschiedene andere Merkmale des Kapitalismus finden in unterschiedlich starker Ausprägung bereits ab der neolithischen Revolution.[41] Der Autor Peter Temin vertritt, dass bereits im Römischen Reich eine Marktwirtschaft existierte.[42] Andere sehen im Kalifat vom 9. bis zum 12. Jahrhundert bereits wesentliche Merkmale des Kapitalismus: Geldwirtschaft, Marktwirtschaft, Frühformen der Gesellschaft („mufawada“ und „mudaraba“) und Kapital („al-mal“).[43][44][45]
In Europa entstanden erste Gesellschaften, die wesentliche Merkmale des Kapitalismus trugen, ab dem 13. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Fernhandels[46] in Oberitalien (Venedig, Pisa, Genua, Florenz) und in Portugal, sodann ausgeprägt im 15. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Belgien und der Niederlande mit den Zentren Brügge und Antwerpen.
Berühmte Ökonomen wie David Hume[47] und Adam Smith bezweifelten in ihren Schriften eine zentrale Lehrmeinung des Merkantilismus: dass der weltweite Wohlstand konstant und „des einen Gewinn des andern Verlust sei“.[48] England sagte sich vom Merkantilismus los. Anlass dafür sah man auch im enormen Bevölkerungswachstum Englands: Von 1780 bis 1850 wuchs die Bevölkerung von 8 auf 18 Millionen, bis 1900 auf rund 32 Millionen (so genannte Bevölkerungsfalle bei Thomas Robert Malthus). In Preußen und Russland blieb merkantilistische Wirtschaftstheorie jedoch noch lange Zeit maßgebend.
Durch die Ansammlung großer Kapitalmengen während des Merkantilismus und deren Investition in Maschinen begann in England die Phase des industriellen Kapitalismus. Mit der maßgeblich von Richard Cobden und den Manchesterliberalen vorangetriebenen Abschaffung der Corn Laws im Jahre 1849 verabschiedete England sich endgültig vom merkantilistischen Außenhandel. Wesentliche Merkmale waren die Produktion in Fabriken und komplexe Arbeitsteilungsprozesse.
Während der industriellen Revolution ersetzte der industrielle Produzent den Kaufmann als wichtigsten Wirtschaftsfaktor. Die landbesitzende Gentry begann nicht nur zur Subsistenz zu produzieren, sondern zum Verkauf auf dem Markt (Cash Crops). Der erworbene Gewinn ermöglichte den Beginn des kommerziellen und industriellen Ackerbaus.
Marx datiert den Beginn des industriellen Kapitalismus auf das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts. Die Zeit von der Abschaffung der Corn Laws und der Navigationsakte in den 1840er Jahren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wird weit verbreitet als die Hochphase des klassischen Liberalismus und Laissez-faire gesehen.[49]
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Rolle von Bankiers und Financiers zunehmend bedeutender. Monopole und Kartelle häufen sich; die Unternehmenseigentümer delegieren den Produktionsprozess an Manager. Das Bankensystem, die Unternehmensverflechtungenn und der Aktienmarkt werden zunehmend komplexer.[50] In marxistischer Diktion wird diese Phase auch als Zeit des „Finanzkapitalismus“, „Monopolkapitalismus“ oder „Staatsmonopolkapitalismus“ bezeichnet.[51] Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden Boom und Depressionen (1857/58, 1873) zum sich häufenden Problem. Auch außerhalb der marxistischen Geschichtsdeutung wird auf die enorme Zahl von Monopolen und Trusts hingewiesen. Murray Rothbard hält dies in den USA jedoch nicht für das Ergebnis des freien Marktes, sondern zuvoriger staatlicher Intervention durch Zölle, Einfuhrlizenzen und politischen Einflusses in der Progressive Era auf die Großkonzerne. Die Anti-Trust-Gesetze (z.B. Sherman Antitrust Act) seien tatsächlich zum Schutz der Großkonzerne gegen kleinere Unternehmen geschaffen worden.[52][53] Milton Friedman hält die Geldmengenänderungen durch die FED für die Hauptursache.[54] Marxisten weisen hier auf die wirtschaftliche Stabilität der Sowjetunion hin.[55]
Nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 war der Kapitalismus in weiten Teilen der Bevölkerung der westlichen Industrienationen diskreditiert. In den USA erfolgten im Rahmen des New Deals unter Präsident Franklin D. Roosevelt massive, am Keynesianismus orientierte Eingriffe in die marktwirtschaftlichen Prozesse. In Deutschland profitierte vor allem die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei von der antikapitalistischen Stimmung.[56]
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands auf dem Neoliberalismus aufbauend als Wirtschaftspolitik die so genannte Soziale Marktwirtschaft durch. Ihr Begründer Ludwig Erhard sah sich in der Tradition des Ordoliberalismus der Freiburger Schule.[57] Heute verwenden auch Befürworter eines keynesianischen Wohlfahrtsstaates den Begriff für ihre wirtschaftspolitischen Konzepte.[58] Die Befürworter der erhardschen Politik sehen in dessen ordoliberalen Politik die Ursache für das deutsche „Wirtschaftswunder“.
Die Geschichte des Kapitalismus war stets eng mit der Internationalisierung des Handel verknüpft. Der Prozess des Abbaus von Handelsschranken (GATT 1948) und die daraus folgende internationale Verflechtung des Handels und Kapitalverkehrs, insbesondere seit Abschaffung des Bretton-Woods-Systems, werden als Globalisierung bezeichnet. Einige Autoren bestreiten jedoch, dass die Globalisierung im 20. Jahrhundert stärker ist als in früheren Epochen.[59]
Die Folgen dieser Entwicklung sind umstritten: Die mit der Industrialisierung beginnende Einteilung der Welt in arme und reiche Länder wird nicht bestritten. Globalisierungskritiker halten den Kapitalismus für diese Entwicklung verantwortlich.[60] Globalisierungsbefürworter glauben dagegen, dass die Übernahme des westlichen Wirtschaftssystems und der Abbau von Handelsschranken die einzige Möglichkeit sei, Armut einzudämmen und sprechen angesichts des globalen Bevölkerungswachstums von der „Unvermeidlichkeit des Kapitalismus“.[12]
Seit dem Untergang der Sowjetunion und des Realsozialismus sprechen einige Beobachter vom Ende der Geschichte,[61] bei dem Kapitalismus und Demokratie als einzige Regierungs- und Wirtschaftssysteme überlebt hätten. Die Frage, ob die heute vorherrschende Wirtschaftsform kapitalistisch ist, wird jedoch äußerst kontrovers diskutiert. Andere verweigern den europäischen Staaten und den USA seit Mitte des 20. Jahrhunderts überhaupt die Bezeichnung „kapitalistisch“ und sehen fortschreitende sozialistische Tendenzen: Der Kapitalismus sei zugunsten eines Mischsystems aufgegeben worden; alle von Kapitalismuskritikern gerügten ökologischen und sozialen Mängel seien in Wahrheit durch staatliche Intervention entstanden und nicht das Ergebnis des freien Marktes.[62] Zudem wurden realsozialistische Wirtschaftssysteme innerhalb der Linken kritisch auch als Staatskapitalismus beschrieben.[63]
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