Ernst Barlach


Ernst Barlach: Selbstporträt, 1928

Ernst Barlach (* 2. Januar 1870 in Wedel, Holstein; † 24. Oktober 1938 in Rostock) war ein deutscher Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner. Barlach ist besonders bekannt für seine Holzplastiken und Bronzen. Außerdem hinterließ er ein vielgestaltiges druckgraphisches, zeichnerisches und literarisches Werk. Seine künstlerische Handschrift, sowohl in der bildnerischen, als auch in der literarischen Arbeit ist zwischen Realismus und Expressionismus angesiedelt.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Der Bettler - Bronzeguss einer Statue im Kloster-Innenhof des Ratzeburger Doms

Ernst Barlach wurde als ältester von vier Söhnen in Wedel als Sohn des Arztes Georg Gottlieb Barlach († 1884) und dessen Frau Johanna Louise (geb. Vollert) geboren. Bereits in früher Kindheit wurde Barlachs Begabung für sprachliche und bildnerische Gestaltung gefördert.

Nach dem Kunststudium an der Kunstgewerbeschule in Hamburg von 1888 bis 1891 schloss sich ein Studium an der Kunstakademie in Dresden bis 1895 als Meisterschüler bei dem Bildhauer Robert Diez an. Seine Abschlussarbeit dort war Die Krautpflückerin. Es folgte ein zweijähriger Aufenthalt in Paris, wo er hauptsächlich mit schriftlicher Arbeit beschäftigt war.

Ab dem Jahr 1897 arbeitete Barlach zunächst als freischaffender Künstler. 1901 zog er zurück in seine Geburtsstadt Wedel und begann mit ersten dramatischen Versuchen. Auch schuf er vor allem Kleinkeramik für die Töpferwerkstatt Mutz in Altona. 1905 war er für ein halbes Jahr durch Vermittlung von Peter Behrens als Lehrer an der Fachschule für Keramik in Höhr-Grenzhausen/Westerwald tätig.

Im Jahr 1906 unternahm Barlach eine Reise nach Russland; Die Eindrücke des russischen Bauerntums und der Volkskunst werden in ihrer Gestaltungsweise seine Skulpturen zukünftig beeinflussen. Im selben Jahr wurde er Vater eines Sohnes, Nikolaus, von dessen Mutter, einem Modell, er sich getrennt hatte. Nach zweijähriger gerichtlicher Auseinandersetzung erhielt er als Vater das Sorgerecht.[1] 1907 stellte Barlach im Frühjahrssalon der Berliner Secession die von Richard Mutz ausgeformten farbigen Terrakotten Russische Bettlerin mit Schale und Blinder russischer Bettler aus. Ab 1909 war Barlach Stipendiat in Florenz in der Villa Romana.

Der Schwebende im Dom zu Güstrow
Mutter Erde im Park der Gertrudenkapelle in Güstrow

Bereits Barlachs frühe Arbeiten setzen sich mit dem Menschen, seinen Lebensbedingungen und seinen Haltungen zum Leben auseinander. Ab 1910 nahm er regelmäßig an Ausstellungen der Berliner Secession, des Sonderbundes und beim Kunstsammler Paul Cassirer in Berlin teil. Seit diesem Jahr lebte Barlach in Güstrow (Mecklenburg), wo er sich nach seinen Bedürfnissen ein Atelier und Wohnhaus am Inselsee bauen ließ. Hier entstanden seine Hauptwerke. Besonders beschäftigte er sich nach seiner Einberufung 1915 zum Landsturm mit dem Erlebnis „Krieg“. 1925 wurde er Ehrenmitglied der Akademie der Bildenden Künste München.

In kurzen Abständen entstanden seine Dramen Der tote Tag (1912), Der arme Vetter (1918), Die echten Sedemunds (1920), Der Findling (1922), die Sündflut (1924), Der blaue Boll (1926); 1927 arbeitete er am Drama Der Graf von Ratzeburg.

Geistkämpfer an der St.-Nikolaikirche in Kiel

1922 wurde in Kiel das erste Ehrenmal Schmerzensmutter eingeweiht. Das Ehrenmal für die Gefallenen, Der Schwebende, im Güstrower Dom entstand 1927. In Der Schwebende soll Barlach die Gesichtszüge seiner Künstlerkollegin Käthe Kollwitz verarbeitet haben. Bereits ein Jahr später wurde vor der Kieler Universitätskirche der Geistkämpfer aufgestellt. 1929 folgte das Ehrenmal im Magdeburger Dom, 1931 das Hamburger Ehrenmal.

Durch seine Unterschrift unter den Aufruf der Kulturschaffenden vom 19. August 1934 bekundete er, dass er zu des Führers Gefolgschaft gehörte.[2]Dieser Schritt des Künstlers trug zu einer lang andauernden ambivalenten Rezeption seines Lebens und seines Werkes bei.

Der Entwurf einer Pietà für Stralsund kam 1932 wegen Anfeindungen aus nationalsozialistischen Kreisen nicht mehr zur Vollendung. Die gegen Barlach entfachte Rufmordkampagne führte 1934 zur Magazinierung des Magdeburger Ehrenmals, 1937 zur Entfernung des Kieler Geistkämpfers und des Güstrower Ehrenmals, das 1941 eingeschmolzen wurde. 1938 folgte die Entfernung des Reliefs Trauernde Mutter mit Kind vom Hamburger Ehrenmal und der erzwungene Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste. Mehr als 400 seiner Werke wurden als „entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen entfernt. 1937 belegte ihn die Reichskammer der Bildenden Künste mit einem Ausstellungsverbot.

Im Alter von 68 Jahren erlag Ernst Barlach am 24. Oktober 1938 in der Rostocker St.-Georg-Klinik einem Herzinfarkt. Er wurde in Ratzeburg begraben.

Die Ehren- und Mahnmale, die nach 1933 entfernt bzw. zerstört und nach 1945 wieder erneuert wurden, sind beispielsweise das Güstrower Ehrenmal im Dom von Güstrow, Der Geistkämpfer in Kiel und eine Figurengruppe im Magdeburger Dom.

Kritik

Zu den Kritikern Balrachs zählt u.a. der Leipziger Professor für Kunstgeschichte Kurt Magritz, der zu Beginn der 1950er Jahre seinem Werk nihilistische und formalistische Tendenzen vorwarf.

Museen

Gertrudenkapelle in Güstrow
Die Barlach-Werkstatt (Gedenkstätte) am Inselsee in Güstrow, 1980

1953 konnte – nachdem es bis Kriegsende still um ihn war − die Güstrower Gertrudenkapelle als erstes Barlachmuseum überhaupt eröffnet werden. Es folgten dann Gedenkstätten/Personalmuseen in Ratzeburg, Hamburg, erneut Güstrow (Atelier im Heidberg) und Wedel/Holstein.

Ein Großteil seiner Werke befindet sich heute in Güstrow − in seinem Atelier am Inselsee, in der Gertrudenkapelle und im Güstrower Dom, für den vom Zweitguss des Schwebenden in der Kölner Antoniterkirche ein neuer Abguss abgenommen wurde −, in den Museen der Ernst-Barlach-Gesellschaft in Ratzeburg und Wedel, sowie im Ernst Barlach Haus in Hamburg.

Ausstellungen

Einige seiner Werke wurden postum auf der documenta 1 (1955) und der documenta III im Jahr 1964 in Kassel gezeigt. Das Leopold Museum in Wien zeigt 2009 eine Retrospektive seiner Arbeiten.

Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften

Ernst Barlach

Werke

Werke in der Bildenden Kunst

Der singende Mann, 1928
  • 1908, Sitzendes Weib, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Pl 3048, 1689 (Leihgabe aus Privatbesitz), Fichtenholz, 20,5 x 17,2 x 10 cm
  • 1927, Güstrower Ehrenmal, Dom von Güstrow (Der Schwebende)
  • 1928, Der singende Mann, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Pl 3188, 1689 (Leihgabe der Stadt Nürnberg), Bronze, 50 x 47 x 42 cm
  • 1928, Der Geistkämpfer, neben dem Eingangsportal der Nikolaikirche Kiel
  • 1929, Magdeburger Ehrenmal, Magdeburger Dom, Figurengruppe
  • 1930, Lesender Klosterschüler
  • 1930, Frau im Wind, Bettler (Bronzeguss Nr. 3/8 seit August 2007 im Kreuzgang des St. Paulus Doms zu Münster), Singender Klosterschüler aus dem Fries Gemeinschaft der Heiligen, Klinkerskulpturen am Westwerk der Lübecker Katharinenkirche, hergestellt bei der Ilse Bergbau AG
  • 1931, Der lehrende Christus, Ein Abguss schmückt das Grabmal des Malers Christian Rohlfs (1849-1938) in Hagen, ein weiterer gelangte in das Stedelijk van Abbe-Museum in Eindhoven. Nach dem 2. Weltkrieg fand der dritte Abguss Aufstellung in der Christuskirche Hamburg-Othmarschen. Der vierte Abguss befindet sich in der Eingangshalle des Hauses der Kirche in Kassel.
  • 1932, Lesende Mönche, die in ihre Lektüre vertieften Mönche schuf Barlach aus Eichenholz. Das Werk steht in der Nationalgalerie Berlin.
    Der Berserker, 1910
  • 1934, Der Wanderer im Wind, Mit dieser Plastik richtete Barlach sich gegen den Nationalsozialismus.
  • 1935, Fries der Lauschenden, neun Holzfiguren im Auftrag von Hermann F. Reemtsma, Ernst Barlach Haus, Hamburg
  • 1936, Der Buchleser, Schwerin, Staatliches Museum, Bronze

Werke in der Literatur

  • 1906, Russisches Tagebuch (Autobiographie)
  • 1912, Der tote Tag (Drama)
  • 1917, Güstrower Tagebuch (Autobiographie)
  • 1918, Der arme Vetter (Drama)
  • 1920, Die echten Sedemunds (Drama)
    Der Fries der Lauschenden, 1930-35
  • 1922, Der Findling (Drama)
  • 1924, Die Sündflut (Drama)
  • 1926, Der blaue Boll (Drama)
  • 1928, Ein selbsterzähltes Leben (Autobiographie)
  • 1929, Die gute Zeit (Drama)
  • 1948, Der gestohlene Mond (Roman, postum)
  • 1948, Seespeck (Roman, postum)
  • 1951, Der Graf von Ratzeburg (Drama, postum)

Literatur

Autobiografie und Briefe

  • Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben. Berlin, 1928, Paul Cassirer. Mit 25 Illustrationen und 83 Abbildungen auf Tafeln (Fotografien von Barlachs Werken) - Nachgedruckt 1948 und 1962, Piper & Co Verlag, München
  • Ernst Barlach: Frühe und späte Briefe. Hrsg. von P. Schurek und H. Sieker. Hamburg, 1962, Claasen
  • Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben & Güstrower Fragmente. Wiesbaden, Marix Verlag, 2009, ISBN 978-3-86539-209-1

Aufsätze

  • Lexikon der Kunst, Bd.1 (1987), S.404-406
  • Ursula Peters: Moderne Zeiten. Die Sammlung zum 20. Jahrhundert in Zusammenarbeit mit Andrea Legde, Nürnberg 2000 (Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Bd.3), S.81-83
  • Wolfgang Maier-Preusker in:Buch- und Mappenwerke mit Grafik des Deutschen Expressionismus, Wien 2006
  • Hans-Joachim Sandberg: Ewig derselbe in immer anderer Form“. Barlach im Banne des Schwebenden. Verlag Literarische Tradition. ISBN 978-3-86672-020-6

Monographien

  • Brigitte Birnbaum: Ernst Barlach - Annäherungen. Demmler Verlag, Schwerin 1996, ISBN 3-910150-32-2
  • Wolfgang Beutin: Barlach oder Der Zugang zum Unbewussten. Eine kritische Studie, Königshausen und Neumann, Würzburg 1994. ISBN 3-88479-988-6
  • Rosemarie Clausen, Barlach, Hamburg: Christian Wegner ²1966 (Fotografien)
  • Ditte Clemens: Marga Böhmer, Barlachs Lebensgefährtin. Demmler Verlag, Schwerin 1996, ISBN 3-910150-35-7
  • Jürgen Doppelstein (Hrsg.): Barlach und Goethe (Ausstellungskatalog). Seemann, Leipzig 1997, ISBN 3-363-00665-9
  • Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte. Mit Steinzeichnungen von Ernst Barlach. Edition Leipzig, Leipzig 1978
  • Naomi J. Groves: Ernst Barlach, Leben im Werk. Plastiken, Zeichnungen und Graphiken, Dramen, Prosawerke und Briefe (Auswahl). Langewiesche Verlag, Königstein/T. 1972, 9. veränderte Aufl. 2009, ISBN 978-3-7845-4152-5
  • Elmar Jansen (Hrsg.): Die Ernst Barlach Museen. Güstrow, Ratzeburg, Hamburg, Wedel. E. A. Seemann, Leipzig 1998, ISBN 3-363-00682-9
  • Catherine Krahmer: Ernst Barlach, mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt, 1984 (Jan. 2002 in 8. Aufl.) ISBN 3-499-50335-2
  • Elisabeth Laur: Ernst Barlach, die Druckgraphik (Werkverzeichnis 1). Seemann, Leipzig 2001
  • Wolfgang Maier-Preusker: Ernst Barlach (1870-1938). Biographische Notizen und Dokumentation der Holzschnitte zum Drama Der Findling von 1922. Selbstverlag, Wien 2003
  • Curd Ochwadt (Hrsg.): Ernst Barlach, Hugo Körtzinger und Hermann Reemtsma, Briefwechsel. Ein Beitrag zur Biographie der letzten Lebensjahre Ernst Barlachs mit 30 bisher unveröffentlichten Briefen Barlachs. Hejo-Verlag, Hannover 1988, ISBN 3-924212-02-3
  • Peter Paret: Ein Künstler im Dritten Reich. Ernst Barlach 1933–1938. Wjs-Verlag, Berlin, 2006, ISBN 3-937989-15-3
  • Friedrich Schult: Barlach im Gespräch. Insel-Verlag, Leipzig 1989, ISBN 3-7351-0081-3
  • Andrea Rudolph: Die Hexe als Mythos. Der Zweifel und der Wille zum Selbst. Hexenfiguren im Werk von Ernst Barlach. Mit einem begleitenden Beitrag von Marion Marquardt, Dettelbach b. Würzburg 1998.
  • Elmar Jansen (Hrsg.): Ernst Barlach Graphik - 48 Lithographien und Holzschnitte. Insel-Verlag, Leipzig 1974.
  • Heidi Beutin, Wolfgang Beutin, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Holger Malterer (Hrsg.): Ernst Barlach (1870-1938). Sein Leben, sein Schaffen, seine Verfolgung in der NS-Diktatur, Frankfurt am Main 2009, Peter Lang, ISBN 978-3-631-58817-8

Siehe auch

Weblinks

Commons Commons: Ernst Barlach – Sammlung von Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Catherine Cramer: Barlach, S. 141 f
  2. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13493397.html






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