Die Ordnung des Diskurses war das Thema der von Michel Foucaults am 2. Dezember 1970 gehaltene Antrittsvorlesung zu seiner Berufung auf den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl zur "Geschichte der Denksysteme" am Collège de France. Die Vorlesung wurde in erweiterter Fassung 1971 als L'ordre du discours in Paris bei Gallimard veröffentlicht.
In diesem Vortrag zeigt Foucault Mechanismen, die den Diskurs kontrollieren. Auf dieser Grundlage skizziert er, welche Probleme er im Collège de France zu behandeln gedenkt.
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„Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“
– Michel Foucault
Foucault teilt die Prozeduren, durch die das geschieht, in drei Klassen ein.
Nach Foucault gibt drei Arten von Verboten: „Man weiß, daß man nicht das Recht hat, alles zu sagen, daß man nicht bei jeder Gelegenheit von allem sprechen kann, daß schließlich nicht jeder Beliebige über alles Beliebige reden kann“.
Er nennt diese drei Grundformen Tabu des Gegenstandes, Ritual der Umstände und bevorzugtes oder ausschließliches Recht des sprechenden Subjekts.
Das nächste Ausschließungssystem ist kein direktes Verbot „sondern eine Grenzziehung und Verwerfung“.
Durch die Unterscheidung in Vernunft und Wahnsinn werden Teile des Diskurses verworfen und können nicht zirkulieren. Entweder gilt das Wort des Wahnsinnigen „für null und nichtig, es hat weder Wahrheit noch Bedeutung“, oder man traut ihm „eigenartige Kräfte“ wie das Voraussagen der Zukunft oder das Aussprechen verborgener Wahrheiten zu.
Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen dem Zuhörenden, der einen Diskurs verfolgt – ihm aber willkürlich Relevanz zugestehen oder aberkennen kann – und dem Belauschten und seinem vom Zuhörer belauschten Diskurs. Der ‚belauschte’ Diskurs wird durch das Begehren des Zuhörers durchdrungen und funktionalisiert.
Schließlich nennt Foucault den Willen zur Wahrheit, einen von Friedrich Nietzsche übernommenen Begriff, als drittes Ausschließungssystem. Er führt an, dass es eine grundlegende Verwerfung in der Diskursgeschichte gab: An deren Anfang existierte nur ein wahrer Diskurs, „später lag die höchste Wahrheit nicht mehr in dem, was der Diskurs war, oder in dem, was er tat, sie lag in dem, was er sagte.“
Träger des Wahrheitsanspruches ist nicht mehr der Diskurs selbst, sondern die einzelne Aussage, die sich über ihren Sinn, ihre Form, ihren Gegenstand und ihren referentiellen Bezug legitimiert.
Heute wird der Wille zur Wahrheit institutionell gestützt und durch erkenntnistheoretische Grundlagen, sowie durch die selektive Verwendung von Wissen, zementiert. Der dialektische Charakter von Wahrheit, in ihrer Bedeutung als Reichtum auf der einen, wie als Ausschließungsmechanismus auf der anderen Seite, wird herausgearbeitet.
Der Diskurs wird durch den Kommentar in Primär- und Sekundärtexte gestuft. Einerseits ermöglicht der Kommentar das immer neue Konstituieren von neuen Diskursen, andererseits erhebt er den Anspruch das zu sagen, was immer schon implizit gesagt war: „Er muß ... zum ersten Mal das sagen, was doch schon gesagt worden ist, und muß unablässig das wiederholen, was eigentlich niemals gesagt worden ist.“
Die Zufälligkeit des Diskurses wird mit Hilfe des Kommentars beherrscht, „er erlaubt zwar, etwas anderes als der Text zu sagen, aber unter der Voraussetzung, daß der Text selbst gesagt und in gewisser Weise [durch den Kommentar, HvdL] vollendet wurde.“
Eine andere diskursregulierende Institution ist der Autor, als konstruiertes „Prinzip der Gruppierung von Diskursen, als Einheit und Ursprung ihrer Bedeutungen, als Mittelpunkt ihres Zusammenhalts“.
Durch das Prinzip des Autors, wird der potenziellen Endlosigkeit und Grenzenlosigkeit möglicher Bedeutungen eine Referenz auf den legitimen Sinngehalt bestimmter Diskursbeiträge beigefügt.
Die Disziplin stellt eine ‚Konstruktionsanleitung’ zur Teilnahme an einem bestimmten Teil des Diskurses dar, es können endlos neue Sätze gebildet werden, „aber nach bestimmten Spielregeln“.
Um zu einer Disziplin zu gehören, muss ein Satz bestimmten Bedingungen genügen: Der Satz muss sich auf eine definierte Gegenstandsebene beziehen und sich in einen bestimmten theoretischen Horizont einfügen.
Foucault betont, dass man immer irgendwo die Wahrheit sagen kann, aber gleichzeitig innerhalb eines Diskurses außerhalb des Wahren sein kann. Die Grenzen der Disziplin werden durch ihre Identität geschaffen, die „die Form einer permanenten Reaktualisierung [ihrer] Regeln hat“.
Das Ritual beschränkt den Zugang zu Diskursen über drei Instrumente: Die Qualifikation, das Zeichensystem und die Grenzen der Bedeutung, die eine innerhalb eines Rituals gemachte Äußerung hat.
Unter diesen Bedingungen ist keine voraussetzungslose Teilhabe am Diskurs möglich, Akteure, oder Gruppen von Akteuren, werden ausgeschlossen.
Diskursgesellschaften sind so organisiert, dass Diskurse produziert und aufbewahrt werden und in geschlossenen Räumen nach bestimmten Regeln organisiert und verteilt werden.
Maßgebliches Kriterium ist, dass die Inhaber nicht das Eigentum am Diskurs verlieren. Die Rollen des Hörenden und Sprechenden sind nicht tauschbar.
Die Doktrin arbeitet mit dem Ziel, nur bestimmte Aussagetypen zuzulassen, diese Typen aber so zu vervielfältigen, dass der Diskurs von ihnen beherrscht wird. Individuen werden vom Diskurs unterworfen, der von der Gruppe der sprechenden Individuen unterworfen wird.
Schließlich stellt die Aneignung des Wissens über Diskurse, eine Form der Verknappung dar. „Jedes Erziehungssystem ist eine politische Methode, die Aneignung der Diskurse mitsamt ihrem Wissen und in ihrer Macht aufrechtzuerhalten oder zu verändern“.
Aus dieser Analyse von den Diskurs formenden Prinzipien folgert Foucault, dass seine zukünftigen Analyse methodischen Grundsätzen folgen sollen, die Umkehrung, Diskontinuität, Spezifität und Äußerlichkeit berücksichtigen.
Unter den Begriffen Kritik und Genealogie, die Foucault an dieser Stelle nur kurz erklärt, aber in den folgenden Jahren weiter ausführt (vgl. Literatur), beschreibt Foucault mögliche kritische und genealogische Forschungen zu Sexualität und Wahnsinn, die er für zukünftige Arbeiten im Collège de France anvisiert.
Beginnend mit der Ordnung des Diskurses ersetzen die methodischen Begriffe "Kritik" und "Genealogie" den von Foucault bis dahin für sein Vorgehen verwendeten Begriff "Archäologie" (vgl. Archäologie des Wissens).
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