Deontologische Ethik oder Deontologie (griechisch: δέον (deon) das Erforderliche, das Gesollte, die Pflicht) bezeichnet eine Klasse von ethischen Theorien, die einigen Handlungen zuschreiben, unabhängig von ihren Konsequenzen, intrinsisch gut oder schlecht zu sein.
Deontologische Theorien werden innerhalb der Ethik gewöhnlich von konsequenzialistischen Theorien unterschieden, die nicht den intrinsischen Charakter einer Handlung selbst, sondern ausschließlich ihre Konsequenzen für moralisch relevant ansehen. Innerhalb der Deontologie gibt es verschiedene Ausprägungen. Während moderate Deontologen Konsequenzen auch eine moralische Relevanz zugestehen, sind im moralischen Absolutismus bestimmte Handlungen unter allen Umständen und ungeachtet ihrer Konsequenzen verboten.
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Deontologische Ethik hat ihren Ursprung in der jüdisch-christlichen Geistesgeschichte.[1] Der Begriff "Deontology" wurde bereits von Jeremy Bentham 1834 verwendet, bevor C. D. Broad ihn im Jahr 1930 näher definierte. Broad unterteilte alle ethischen Theorien in zwei Klassen: deontologische Theorien und teleologische Theorien, wobei er die deontologische Lesart mit dem moralischen Absolutismus identifizierte.[2]
Eine bekannte Definition deontologischer Theorien stammt von William K. Frankena aus dem Jahr 1973:
“Deontological theories [...] deny that the right, the obligatory, and the morally good are wholly, whether directly or indirectly, a function of what is nonmorally good or what promotes the greatest balance of good over evil for self, one’s society, or the world as a whole. They assert that there are other considerations that may make an action or rule right or obligatory besides the goodness or badness of its consequences — certain features of the act itself other than the value it brings into existence, for example, the fact that it keeps a promise, is just, or is commanded by God or the state. ”
„Deontologische Theorien [...] bestreiten, dass das Richtige, das Verpflichtende und das moralisch Gute gänzlich, ob direkt oder indirekt, eine Funktion dessen sind, was außermoralisch gut ist oder was den größten Überschuss an Gutem über Bösem für einen selbst, die eigene Gesellschaft oder die ganze Welt verspricht. Sie behaupten, dass es neben der Güte und Schlechtheit der Konsequenzen noch andere, vom entstehenden Wert verschiedene Gesichtspunkte gibt, die eine Handlung oder Regel richtig oder verpflichtend machen können – bestimmte Eigenschaften der Handlung an sich, zum Beispiel die Tatsache, dass sie ein Versprechen hält, gerecht ist oder von Gott oder dem Staat befohlen ist.“
– William K. Frankena: Ethics [3]
Deontologische Theorien schreiben bestimmten Handlungen zu, in sich schlecht zu sein und leiten daraus ab, dass diese Handlungen verboten sind. Lügen oder das Töten Unschuldiger sind häufig gewählte Beispiele solcher Handlungen. Hierbei ist entscheidend, dass eine Lüge auch verboten bleibt, wenn sie zu besseren Konsequenzen führen würde. Sie bleibt sogar verboten, wenn durch sie eine größere Zahl von Lügen verhindert werden könnte. Ein solcher Fall, in dem die Maximierung des Guten ausdrücklich verboten ist, kann ausschließlich in deontologischen Theorien auftreten. Solche deontologischen Verbote (englisch: constraints oder restrictions) sind daher charakteristisch für deontologische Theorien.
Eine weitere Abweichung vom nutzenmaximierenden Prinzip konsequentialistischer Theorien sind Fälle, in denen es moralisch erlaubt ist, eine Handlung auszuführen, die nicht den maximalen Gesamtnutzen herbeiführt. Derartige Handlungsalternativen werden Optionen (englisch: Options) genannt und sind beispielsweise bei persönlichen Projekten relevant.
Die Begründung hierfür sehen viele Deontologen darin, dass bei Handlungen der Handelnde selbst im Zentrum der Handlungsbewertung stehen muss. Deontologische Theorien sind sogenannte Akteur-zentrale Theorien (englisch: Agent-Centered Theories)[4]. Konsequentialistische Theorien gehen nicht vom moralischen Standpunkt des Einzelnen aus, sondern vergleichen bei der Bewertung einer Handlung wie die Welt als Ganzes nach der Ausführung der Handlung aussehen würde und ob diese Welt die beste ist, die mit den möglichen Handlungsalternativen erreichbar ist.
Dass eine Handlung die moralisch richtige Handlung ist, kann auf verschiedene Arten begründet werden. Man unterscheidet hierbei akteur-relative (englisch: agent-relative) von akteur-neutralen (englisch: agent-neutral) Begründungen.[5][6] Akteur-relativ ist eine Begründung, wenn sie sich unmittelbar auf die Handelnde Person bezieht, die Handlung also moralisch richtig wird, weil sie die Handlung einer bestimmten Person ist. Dies ist insbesondere der Fall, wenn eine besondere Beziehung der handelnden Person zu einer anderen Person eine Rolle spielt. Eltern haben beispielsweise eine besondere Beziehung zu ihrem Kind. Wenn nun ein Elternteil das eigene Kind vor dem Tod rettet und dafür auf die Rettung zweier fremder Kinder verzichtet, war diese Handlung aus akteur-relativer Sicht dennoch moralisch richtig.
Neben besonderen Beziehungen sind auch deontologische Verbote und Optionen Produkte akteur-relativer Begründungen. Das deontologische Verbot zu töten gilt auch in dem Fall in dem eine Person durch das Töten eines Unschuldigen, die Tötung zweier Unschuldiger verhindern könnte. Es geht also darum nicht selbst zu töten und nicht darum, möglichst wenig Tötungen herbeizuführen.[7] Auch im Fall der Optionen liegt nahe, dass erst der Bezug auf den Handelnden rechtfertigt, warum die Verfolgung eines persönlichen Projektes die moralisch richtige Handlung sein kann, wenn dafür beispielsweise auf eine gemeinnützige Tätigkeit verzichtet werden muss, die einen größeren Gesamtnutzen herbei geführt hätte.
Thomas Nagel charakterisierte akteur-relative Handlungsbegründungen wie folgt:
„Die eigentümliche Stoßrichtung deontologischer Gründe [d.h. akteur-relativer Gründe] wendet sich dagegen, daß man selbst etwas tut - und nicht dagegen, daß es geschieht“
– Thomas Nagel: Grenzen der Objektivität[8]
Akteur-relativen Handlungsbegründungen stehen die akteur-neutralen (englisch: agent-neutral) Handlungsbegründungen gegenüber. Akteur-neutral ist ein Grund, der für alle Menschen gleichermaßen bindend ist. Viele konsequentialistische Theorien akzeptieren ausschließlich akteur-neutrale Handlungsbegründungen, da diese einen objektiven Charakter besitzen und somit besser für die Herbeiführung der bestmöglichen Welt geeignet sind. Eine akteur-neutrale Aussage ist: "Jeder soll dafür sorgen, dass niemand lügt", während die akteur-relative Variante "Jede Person soll dafür sorgen, dass sie selbst nicht lügt" lautet.[9]
Akteur-relative deontologische Theorien machen einen Unterschied zwischen dem, was eine Person tut und dem, was passiert. Jemanden sterben zu lassen ist nach dieser Ansicht nicht notwendigerweise moralisch so verwerflich wie jemanden zu töten.[10]
Einige Beispiele werden immer wieder herangezogen, da sie bestimmte Probleme veranschaulichen. Dies sind insbesondere die Fälle Zug, dicker Mann und Folter.
Zug
→ Hauptartikel: Trolley-Problem
"Ein außer Kontrolle geratener fahrender Zug wird fünf Personen, die sich zufällig auf dem Gleis aufhalten, töten außer der Zug wird auf ein Seitengleis umgeleitet, wo er eine Person töten wird."[11]
Dicker Mann
→ Hauptartikel: Trolley-Problem
Ein außer Kontrolle geratener fahrender Zug wird fünf Personen, die sich zufällig auf den Gleisen aufhalten, töten außer ein dicker Mann wird auf die Gleise geworfen, so dass der dicke Mann zwar dabei umkommt, der Zug aber angehalten wird.[12]
Folter
Wenn Person A nicht die deontologische Pflicht verletzt, die unschuldige Person B nicht zu foltern, dann werden zehn oder tausend oder eine Million unschuldige Personen aufgrund eines Nuklearschlages sterben.
Die stärkste Form deontologischer Theorien führt zu einem moralischen Absolutismus, der keine Fälle zulässt, in denen eine intrinsisch schlechte Handlung durch die Umstände der Situation dennoch die moralisch richtige Handlung sein kann. Deontologische Verbote gelten absolut und ohne Berücksichtigung der Umstände. Im Beispiel Folter würde ein moralischer Absolutist die unschuldige Person B nicht foltern, auch wenn dadurch eine Million unschuldiger Menschen gerettet werden könnten.
Moralischer Absolutismus ist unter anderem das Resultat einer spezifischen Interpretation der christlichen Ethik. Innerhalb der Römisch-katholischen Kirche ist beispielsweise das absolut geltende Tötungsverbot verbreitet.[13]
Im Gegensatz zum moralischen Absolutismus gibt es in der moderaten Deontologie die Möglichkeit eine intrinsisch schlechte Handlung aufgrund besonderer Umstände dennoch auszuführen und moralisch zu rechtfertigen. Hierbei spielen die Konsequenzen eine wichtige Rolle. Wenn die zu erwartenden Konsequenzen einer intrinsisch schlechten Handlung außergewöhnlich gut sind, dann können es die Konsequenzen rechtfertigen, ein deontologisches Verbot zu verletzen.
Da es einen Punkt geben muss, der festlegt bis wohin eine intrinsisch schlechte Handlung verboten bleibt und ab welchem Maß an guten Konsequenzen, die konsequentialistische Beurteilung der Handlung überwiegt, werden moderate deontologische Ansätze auch Grenzwert- oder Schwellenwertdeontologie (englisch: Threshold deontology) genannt.
Ein großes Problem deontologischer Theorien ist das sogenannte deontologische Paradoxon.[14][15] Das Paradoxon entsteht, da jede deontologische Theorie Handlungen kennt, die in sich schlecht und somit verboten sind. Wenn man nicht konsequentialistisch argumentieren will, muss dieses Verbot auch in dem Falle bestehen, in dem die Konsequenzen in geringem Maße besser wären, wenn die Handlung ausgeführt würde. Dies gilt ebenso wenn durch das Ausführen einer in sich schlechten Handlung zwei äquivalente Handlungen verhindert werden könnten. Samuel Scheffler formulierte das paradoxe an diesen Verboten wie folgt:
“An agent-centred restriction is, roughly, a restriction which is at least sometimes impermissible to violate in circumstances where a violation would serve to minimize total overall violations of the very same restriction. [...] For how can it be rational to forbit the performance of a morally objectionable action that would have the effect of minimizing the total number of comparably objectionable actions that were performed and would have no other morally relevant consequences?”
„Ein akteur-zentrales Verbot ist, grob, ein Verbot, das zu verletzen wenigstens manchmal unzulässig ist in Umständen wo eine Verletzung die insgesamt durchgeführten Verletzungen genau des gleichen Verbotes minimieren würde. [...] Wie kann es vernünftig sein die Ausführung einer moralisch anstößigen Handlung zu verbieten, die die Minimierung der Gesamtzahl an Ausführungen von vergleichbaren anstößigen Handlungen zur Folge hätte und keine anderen moralisch relevanten Konsequenzen?“
– Samuel Scheffler: The Rejection of Consequentialism [16]
Die Einführung von Grenzwerten bei der Bewertung von Handlungen in moderaten deontologischen Theorien bringt verschiedene Probleme mit sich. Larry Alexander und Michael Moore zählten in ihrem Beitrag zur Stanford Encyclopedia of Philosophy über deontologische Theorien folgende Probleme auf[17]:
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