Dekadenzdichtung (frz. décadence = Verfall) ist die vage und umstrittene Bezeichnung für eine Vielzahl an literarischen Strömungen und Einzelwerken um die Jahrhundertwende (1900), deren Gemeinsamkeit in ihrer entschiedenen Ablehnung des Naturalismus liegt. Allgemeines Kennzeichen ist eine Überfeinerung im Sinne einer subjektivistisch-ästhetizistischen Kunst- und Weltanschauung, die zu einer bewusst anti-bürgerlichen, anti-moralischen, anti-realistischen und anti-vitalen Selbstbestimmung führt.
Diese Überfeinerung wurde als Symptom einer Zeit kulturellen Verfalls bzw. Übergangs gedeutet und spätestens seit Nietzsche Gegenstand einer polemischen Zeitkritik. Die Bezeichnung Décadence wurde eingeführt von dem französischen Dichter Paul Verlaine. Dieser hat von sich selbst gesagt: „Je suis l'Empire à la fin de la Décadence.“ Dies heißt: „Ich bin das Empire am Ende der Dekadenz.“[1] Mit Empire ist das französische Kaiserreich seit Napoléon Bonaparte (premier empire) bis zu Napoléon III (second empire) gemeint, das 1870 im Krieg gegen Deutschland seine Niederlage erlitt. Während vor allem in der französischen Literaturszene die Sensibilität von Dichtern wie Baudelaire gegenüber dem Sublimen, Rauschhaften, Stimmungsvollen und Morbiden zeitweise gefeiert wurde, veranschaulicht Nietzsche in Der Fall Wagner (1888) sein Negativurteil über eine moderne 'Nervenkunst' als Erschöpfung und Auflösung. Spengler führte dieses alarmistische Geschichtsbild in Der Untergang des Abendlandes (1918) fort.
Da eine eigentliche Dekadenzliteratur schwer etwa vom Symbolismus eines Arthur Rimbaud und Paul Verlaine oder vom Impressionismus eines Hugo von Hofmannsthal oder Rilke unterschieden werden kann, dürfen ihr so unterschiedliche Autoren wie Anton Tschechow (Russland), Gabriele d'Annunzio (Italien), Maurice Maeterlinck (Belgien), Jens Peter Jacobsen (Dänemark), Oscar Wilde (Irland), Peter Altenberg (Österreich) oder Thomas und Heinrich Mann (Deutschland) zugeordnet werden. In Frankreich werden der Dekadenzdichtung Dichter wie Jules Laforgue, Tristan Corbière, Lautréamont und Schriftsteller wie Marcel Schwob, Edouard Dujardin, Joris-Karl Huysmans und Maurice Barrès zugeordnet.
Abgesehen von der thematischen Klammer des Wechselspiels von Lebenslust und -überdruss arbeitet Dekadenzdichtung häufig mit der Zerstörung traditioneller narrativer Strukturen und ersetzt deren Kohärenz durch eine bewusst künstliche Totalität, die sich durch Verrätselung von Handlung und Figuren, häufige (Motiv-) Wiederholungen sowie Selbstreferenzialität und einer Dominanz isolierter (oft optischer) Textdetails auszeichnet.
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