Das Genre des Bildungsromans entstand im Deutschland der Aufklärung und thematisiert die Entwicklung einer (meist jungen) Hauptfigur.
Der zugrunde liegende Begriff stammt aus Vorträgen des Dorpater Philologen Karl Morgenstern (1770–1852), der im Bildungsroman die „das Wesen des Romans im Gegensatz des Epos am tiefsten erfassende besondere Art desselben“[1] sah. Der deutsche Begriff wird auch in vielen anderen Sprachen, wie etwa dem Englischen, verwendet.
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In einem Bildungsroman geht es um die „Auseinandersetzung einer zentralen Figur mit verschiedenen Weltbereichen“ [2]. Somit nimmt der Bildungsroman formal gesehen eine „Zwischenstellung zwischen [dem] Figuren- und [dem] Raumroman“ (ebenda) ein. Die zentrale Figur, der Held, macht eine Entwicklung durch, die von seinem Verhältnis zu den „verschiedenen Weltbereichen“, also seiner Umwelt, bestimmt wird [3]. Das Ganze spielt sich meistens in der Jugend des Helden ab, und die erzählte Zeit erstreckt sich über mehrere Jahre, oft sogar Jahrzehnte. Der Bildungsroman weist somit Elemente einer Biografie auf. [4]
Eine zentrale Rolle bei dieser Entwicklung spielt hier allerdings – im Unterschied zum reinen Entwicklungsroman – der (historische) Bildungsbegriff. Aus der Antike abgeleitet, meint der Begriff Bildung seit der Aufklärung und dem Sturm und Drang die von staatlichen und gesellschaftlichen Normen freie individuelle Entwicklung des Einzelnen zu einem höheren, positiven Ziel (vergleiche Selbmann S. 2). Der Begriff beinhaltet außerdem sowohl die Bildung des Verstandes als auch die Bildung des Nationalcharakters (ebenda). Ein weiteres Kennzeichen des historischen Bildungsbegriffes ist die „Anbildung“ äußerer Einflüsse ebenso wie die Entwicklung und Entfaltung vorhandener Anlagen (ebenda). Siehe auch Bildung. Jeder echte Bildungsroman bezieht sich auf diesen namensgebenden Begriff. [3]
Bildung sollte aber nicht nur das Thema des Bildungsromans sein, sondern auch dem Leser vermittelt werden. [5] Ähnlich wie im didaktischen Aufklärungsroman geschah dies durch das „missionarische Überlegenheitsgefühl eines sich selbst bewussten Erzählers, der seinen Bildungsvorsprung gegenüber Held und Leser geltend machen [konnte]“ (Selbmann S. 40). Dieser distanzierte, oft ironische Erzähler (vergleiche Selbmann S. 27) war also neben dem Helden und dem Leser die wesentliche Figur eines Bildungsverhältnisses, das er mit jenen bildete und das Bildungsgeschichte genannt wurde. [6]
Der Aufbau des Bildungsromanes ist häufig dreigeteilt, nach dem Schema „Jugendjahre – Wanderjahre – Meisterjahre“, wie zum Beispiel in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, der nach wie vor als Ideal und Prototyp des deutschen Bildungsromans gilt (vergleiche Borcherdt S. 177). Dieses dreiteilige Schema besitzen aber nicht alle Bildungsromane [7]
Der Held des Bildungsromans ist zunächst seiner Umwelt direkt entgegengesetzt. Während er noch jung, naiv und voller Ideale ist, steht ihm eine ablehnende, realistische Welt entgegen, in der nur Weniges nach seinen Vorstellungen abläuft. Jacobs spricht von einem „Bruch zwischen idealerfüllter Seele und widerständiger Realität“ [2]. Die Folgen sind Unverständnis und Ablehnung auf beiden Seiten (vergleiche. Hegel S. 557).
Dieses Verhältnis des Helden zu seiner Umwelt setzt nun seine Entwicklung, seine Bildung in Gang. Der Held macht in seiner Umwelt konkrete Erfahrungen, die ihn allmählich wachsen und reifen lassen. Es wird dargestellt, „wie er in glücklicher Dämmerung in das Leben eintritt, nach verwandten Seelen sucht, der Freundschaft begegnet und der Liebe, wie er nun aber mit den harten Realitäten der Welt in Kampf gerät und so unter mannigfachen Lebenserfahrungen heranreift“. (Dilthey S. 327).
Diese Entwicklung endet in einem „harmonischen Zustand des Ausgleichs“ [3] mit der Umwelt. Der „Wandlungsprozeß des Helden [hat ihn] ... zur Klarheit über sich selbst und über die Welt [ge]führt“. [2]. Der Held hat sich also mit der Welt versöhnt und nimmt in ihr seinen Platz ein, ergreift zum Beispiel einen Beruf „und wird Philister, so gut wie die anderen auch“ (Hegel S. 557f.). Er wird damit ein Teil der Welt, die er vorher so verachtet hat.
Als weiteres Merkmal des Bildungsromans sind an wichtigen Stellen, an den „Angelpunkten der Entwicklung“ [2], Rückblicke und Reflexionen des Helden eingeschoben. Diese sollen den Roman einerseits formal gliedern, andererseits dienen sie zur Verdeutlichung der Entwicklung: Sie trennen die einzelnen Stufen dieser Entwicklung voneinander und schließen sie jeweils ab (ebenda).
Als erster Bildungsroman gilt Christoph Martin Wielands um 1766 entstandene Geschichte des Agathon. Als Prototyp der Gattung setzte sich allerdings Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre durch [8] - obwohl der Held hier nach einem adligen Bildungsideal (gleichmäßige Ausbildung von Körper und Geist) strebt und seine bürgerliche Herkunft verleugnet. Der von Goethe „kleiner Bruder“ titulierte Karl Philipp Moritz liefert mit seinem autobiografischen Anton Reiser (1785–1790) das Beispiel für einen misslungenen Bildungsgang und damit ein Werk, das als „negativer Bildungsroman“ in die Literaturgeschichte einging.
Ein beispielhafter Bildungsroman ist etwa Gustav Freytags Soll und Haben.
Von literarisch höherer Qualität sind meist die Bildungsromane, in denen der Held scheitert, etwa in Gottfried Kellers Der grüne Heinrich, oder in denen das Ziel der Bildung fragwürdig geworden ist, wie in Adalbert Stifters Der Nachsommer.
David Copperfield (1849) ist ein pseudo-autobiografischer Bildungsroman von Charles Dickens.
Demian (1919) ist ein bekannter Bildungsroman mit autobiographischen Elementen von Hermann Hesse. Die Erzählung hatte – so berichtet Thomas Mann in seinem Vorwort zur amerikanischen Ausgabe des Buches – auf die junge Generation nach dem Ersten Weltkrieg eine „elektrisierende Wirkung und traf mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit“, ähnlich Goethes Werther, dessen Wirkung Thomas Mann mit der des Demian vergleicht. [9]
Thomas Mann lässt in der Labor-Atmosphäre eines Lungen-Sanatoriums auf dem Davoser Zauberberg (1924) die abendländische Kulturgeschichte vor den Augen seines jungen Helden Hans Castorp Revue passieren, bevor dieser sich der Perversion aller Bildung hingibt und in den Ersten Weltkrieg zieht. In Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1922/1954) wird der Bildungsroman mit dem Schelmenroman verknüpft und ist somit als eine Parodie auf den Bildungsroman zu verstehen.
Ein moderner Bildungsroman, der sich direkt auf die Tradition der Gattung bezieht, ist Der kurze Brief zum langen Abschied von Peter Handke (1972), sowie Faserland von Christian Kracht (1995), in gewisser Weise auch Elementarteilchen von Michel Houellebecq aus dem Jahr 1998.
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