Ein Bedürfnis ist das Verlangen oder der Wunsch, einem empfundenen oder tatsächlichen Mangel Abhilfe zu schaffen.
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Der Ausdruck Bedürfnis wird in der Psychologie für zwei verschiedene Sachverhalte verwendet: für eine zeitstabile Disposition einerseits und für den aktuellen Zustand eines Organismus andererseits.
Aufgrund der doppelten Bedeutung des Ausdrucks „Bedürfnis“ empfiehlt es sich, nach Möglichkeit die Begriffe Motiv (für die Persönlichkeitseigenschaft) und Motivation (für den aktuellen Zustand) zu verwenden.
Aus der Notwendigkeit, eine anwendbare Methode für Konfliktlösung zu finden, entwickelte Marshall B. Rosenberg, Schüler des Humanisten Carl Rogers, das Modell der gewaltfreien Kommunikation. Aus diesem Modell entstand ein Bedürfnisbegriff, der ergänzend zu Definitionen aus der Motivationspsychologie verwendet werden kann.
Bedürfnisse in Rosenbergs Sinn sind allen Menschen der Art nach gemein. Bedürfnisse sind demnach unabhängig von Zeiten (Epochen), Orten (Regionen, Kulturen) und Personen. Bedürfnisse verschiedener Individuen stehen einander nie entgegen, sondern lediglich die Strategien, die zur Erfüllung der Bedürfnisse angewandt werden. Bedürfnisse sind allgemein; Wünsche unterscheiden sich von Bedürfnissen dadurch, dass sie bereits eine Konkretionsstufe in Richtung auf Strategien darstellen. Will man einen tieferen Einblick in die Ursachen des Problems oder Konflikts bekommen, müssen Bedürfnisse klar von Strategien getrennt werden.
Ein Mensch hat in jedem Moment Bedürfnisse, die sich durch Gefühle bemerkbar machen. Es wird hier unterschieden zwischen Gefühlen, die anzeigen, dass Bedürfnisse erfüllt sind und Gefühlen, die anzeigen, dass Bedürfnisse nicht erfüllt sind.
Einige Bedürfnisse in Kernbegriffen zusammengefasst sind nach diesem Modell: Physische Bedürfnisse – Sicherheit – Verständnis (oder Empathie) – Kreativität – Liebe, Intimität – Spiel – Erholung – Autonomie – Sinn.
Die Maslowsche Bedürfnispyramide beruht auf einem vom US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow entwickeltem Modell, um Motivationen von Menschen zu beschreiben. Die menschlichen Bedürfnisse bilden die „Stufen“ der Pyramide und bauen dieser eindimensionalen Theorie gemäß aufeinander auf. Der Mensch versucht demnach, zuerst die Bedürfnisse der niedrigen Stufen zu befriedigen, bevor die nächsten Stufen Bedeutung erlangen. Die unterste Stufe umfasst hierbei die fundamentalen physiologischen Bedürfnisse, wie z.B. Hunger. Auf Stufe 2 folgen die Sicherheitsbedürfnisse, Stufe 3 beinhaltet die sozialen Bedürfnisse. Diesen folgen dann die Ich-Bedürfnisse und erst wenn alle anderen Bedürfnisse befriedigt sind, erlangen die Bedürfnisse auf der letzten Stufe, das Verlangen nach Selbstverwirklichung, Bedeutung.
Die Wirtschaftswissenschaften nehmen menschliche Bedürfnisse nur insofern in den Blick, als sie zu wirtschaftlichem Verhalten führen können. In dieser Perspektive werden Bedürfnisse als Empfindungen eines Mangels in Verbindung mit dem Wunsch, ihn zu beheben, definiert. In Verbindung mit Kaufkraft wird das Bedürfnis zum wirtschaftlich interessanten Bedarf, der auf dem Markt als Nachfrage auftritt.
Was als Bedürfnis mit welcher Dringlichkeit und Universalität betrachtet wird, hängt stark vom jeweiligen Menschenbild, von individuellen und gesellschaftlichen Präferenzen und vom Grad der Reduktion des Menschen aufs Ökonomische ab. Ein traditioneller, wenn auch umstrittener Versuch der Hierarchisierung von Bedürfnissen, der auch in den Wirtschaftswissenschaften verbreitet ist, ist die Bedürfnishierarchie von Maslow (siehe oben). Eine alternative Aufbereitung ist unter anderen die von Max-Neef (siehe unten). Das von Maslow zuletzt eingefügte oberste Bedürfnis nach Transzendenz (im weiteren Sinn) wird wirtschaftswissenschaftlich zumeist ausgeblendet. Ähnlich sind Bedürfnisse wie Glück, Liebe, Zufriedenheit, Harmonie, Sinn etc. wirtschaftlich nicht oder nur von geringem Interesse (bezahlter Zen-Kurs, Bordell, Spenden für Opfer einer Katastrophe etc. - bzw. als Werbemittel nach dem Schema: Kaufen Sie und Sie werden glücklicher). Der alternativ lebende Mensch interessiert erst, wenn er einen Bioladen betritt. Dem korrespondiert, dass die Menschen in den westlichen Industriestaaten (bislang) immer wohlhabender, nach der Glücksforschung deshalb aber nicht glücklicher werden.
Bedürfnisse sind nichts Feststehendes. Sie wandeln sich und sind von vielfältigen Faktoren abhängig (wie Alter, Gesundheit, Beruf, Interessen, Klima, Mode, technischer Fortschritt).
Bedürfnisse können unter verschiedenen Gesichtspunkten eingeteilt werden:
Da die dem Menschen zur Verfügung stehenden Mittel normalerweise beschränkt sind, kann er nicht alle Grund- oder Luxusbedürfnisse gleichzeitig befriedigen. Er muss deshalb eine Wahl treffen oder seine Bedürfnisse priorisieren. Darum fasst man die Grund- und Luxusbedürfnisse auch unter dem Begriff Wahlbedürfnisse zusammen.
Nach einer anderen Terminologie sind Grundbedürfnisse Bedürfnisse, deren Befriedigung in einer Gesellschaft als lebensnotwendig angesehen werden, um ein soziales Existenzminimum zu ermöglichen (Beispiel: schlichte Urlaubsreise). Wahlbedürfnisse bestehen in qualitativ höherwertigen oder qualitativ umfangreicheren Gütern (Beispiel: Kreuzfahrtschiffsreise)[1]. Was ein Grund- und was nur ein Wahlbedürfnis ist, unterliegt wandelbaren individuellen und kollektiven Werturteilen.
Verbreitet ist auch die Einteilung in primäre Bedürfnisse und sekundäre Bedürfnisse. Als primär werden Bedürfnisse bezeichnet, die triebbedingt und als bei allen Menschen weitgehend gleich angesehen werden (z.B. Hunger, Durst). Als sekundäre Bedürfnisse werden Bedürfnisse bezeichnet, die von vielen Faktoren abhängig sind (z.B. soziale, künstlerische Interessen).
Ein Großteil der Wirtschaft lebt nicht nur von der Erfüllung, sondern auch von der Weckung und Erzeugung von Bedürfnissen – so die Medienwirtschaft, die Konsumgüter- und Genussmittelwirtschaft sowie der Tourismus und insbesondere die Werbewirtschaft. Man kann also von „wahren“ und „falschen“ Bedürfnissen in diesem Zusammenhang sprechen. Dem Konsumenten wird versucht, glaubhaft zu machen, dass für ihn ein Bedarf besteht bzw. neuer Bedarf entstanden sei.
Bei dieser Gruppe der Bedürfnisarten ist zu unterscheiden nach
Materielle Bedürfnisse zielen auf stoffliche Gegenstände, wie z. B. das Verlangen nach Brot, einem Farbfernseher oder einem Handy.
Immaterielle Bedürfnisse werden dagegen im religiösen, ethischen oder geistigen Bereich befriedigt, wie z. B. das Verlangen nach gesellschaftlichem Prestige, Macht, Gerechtigkeit, Geborgenheit, einem Theaterbesuch.
Bedürfnisse, die von uns konkret verspürt werden, wie beispielsweise das Verlangen nach Lob oder Nahrung, werden als bewusste oder offene Bedürfnisse bezeichnet. Andere, die unterschwellig empfunden werden, sind den latenten oder verdeckten Bedürfnissen zuzuordnen. Sie schlummern im Verborgenen und können zu offenen Bedürfnissen werden, wenn sie geweckt werden. Dies geschieht sehr häufig durch Werbung (Bedürfniserweckung).
Der Ökonom Manfred Max-Neef sieht Bedürfnisse nicht nur als Mangel, sondern gleichzeitig auch als individuelle und kollektive menschliche Potentiale.
Im Unterschied zur traditionellen Auffassung, dass menschliche Bedürfnisse unbegrenzt seien, ständigen Wandlungen unterlägen und sich von einer Kultur zur anderen veränderten und in jeder historischen Entwicklungsphase unterschiedlich seien, geht Max-Neef davon aus, dass die menschlichen Grundbedürfnisse begrenzt [stillbar], zahlenmäßig gering und klassifizierbar – weil sozial-universal (unabhängig von Person, Ort, Kultur, historischer Epoche) – sind. Sie stünden miteinander in einer Wechselbeziehung und interagierten.
Er schlägt für eine Taxonomie der menschlichen Grundbedürfnisse folgende neun axiologische Wertkategorien vor:
Max-Neef vermutet, dass die Grundbedürfnisse im Takt mit der Evolution des Menschen entstanden seien (so seien ‚Identität‘ und ‚Freiheit‘ vermutlich jünger als die übrigen, während ein zehntes, Transzendenz, vielleicht erst in Zukunft so universell sein werde).
Bedürfnisbefriedigung ist nach Max-Neef ein dynamischer Prozess, charakterisiert durch Gleichzeitigkeit, Komplementarität und Kompensation (Trade-off), und findet auf unterschiedlichen Niveaus und mit unterschiedlicher Intensität statt sowie in dreifachem Kontext:
Max-Neef hält es für unerlässlich, Bedürfnisse von Befriedigern zu unterscheiden.
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